Was ist Damast?

Wenn es um historische Kleidung geht, fliegen gern mal die Begriffe Damast, Brokat, Jacquard und noch andere herum, und nicht selten werden sie falsch verwendet.

Früher dachte ich – wie man das halt so tut, wenn man gesundes Halbwissen hat – daß ich wußte, was Damast ist. Und dann fing ich an zu weben. Und lernte ganz neue Sachen. Was ich mal für Damast hielt, ist z.T. gar keiner, aber dafür sind Webmuster, von denen ich das nie gedacht hätte, tatsächlich Damast. Der Wikipedia-Artikel zum Thema ist übrigens erstaunlich gut und fundiert, aber so richtig versteht man ihn wohl erst, wenn man es mal praktisch ausprobiert hat. Oder vielleicht liegt das nur an meinem praktisch orientierten Lernstil.

Die grundlegende Definition von Damast geht so:
Ein Gewebe, dessen Muster dadurch entsteht, daß man an manchen Stellen mehr von der Kette sieht und  an anderen mehr vom Schuß.

Beim einfachsten Gewebe, der Leinwandbindung, überspringt der Schußfaden einen Kettfaden, taucht unter einem durch, springt über einen, unter einem durch usf. Daher sieht man von der schwarzen Kette genausoviel wie vom weißen Schuß, und aus einer gewissen Entfernung sähen beide Seiten des Stoffes Mittelgrau aus.

Daß man mehr Schuß als Kette sieht, kann nur dann passieren, wenn die Schußfäden mehrere Kettfäden überspringen, also z.B. über zwei, unter einem durch usf. In diesem Fall sähe man 2/3 schwarzen Schuß und 1/3 Kette. Das Gewebe sähe von vorn immer noch grau aus, aber eher hellgrau. Von hinten aber sähe es eher dunkelgrau aus, denn was von vorn gesehen über zwei springt, taucht von hinten gesehen unter zwei durch. Beim Atlas ist das noch deutlicher.

Nun muß man es nur noch schaffen, daß man nicht überall auf der Vorderseite mehr Schuß als Kette sieht, sondern an bestimmten Stellen genau umgekehrt mehr Kette als Schuß. Vorder- umd Rückseite müssen quasi die Seiten wechseln. Dieses Kunststück leistet ein Damastwebstuhl.

Daß man mehr Schuß als Kette sieht, passiert, wie gesagt, bei zwei der drei Grundbindungen: Köper und Atlas.

Der oben verlinkte Wikipedia-Artikel behauptet, daß nur eine bestimmte Variante des Körpers (Kreuzköper) sowie sämtliche Varianten des Atlas für Damast geeignet seien, aber das halte ich für Snobismus: Jeder ungleichseitige Köper kann die Definition von Damast erfüllen. (Es gibt auch gleichseitige Köper, z.B. 2/2, bei denen man von der Kette genausoviel sieht wie vom Schuß; die gehen natürlich nicht.) Zwar weisen Köper normalerweise einen diagonalen Grat auf: Im Beispiel der schwarzen Kette mit weißem Schuß würde die Kette als eine diagonale Linie aus weißen Pünktchen sichtbar. Die Snobs meinen nun, daß diese Grate für Damast gar nicht gehen. Nur der Kreuzköper weist keinen sichtbaren Grat auf und ist somit ausnahmsweise genehmigt. Zwei Dinge möchte ich ihnen entgegenschleudern:

  1. Auch Atlas hat einen Grat! Einen weniger auffälligen, aber er ist da.
  2. Zeigte das Quellenstudium zum Thema Kalmang, daß im 18. Jahrhundert nicht zwischen Köper und Atlas unterschieden wurde.

So!
stürmt indigniert davon

Hier haben wir einen 8-bindigen Atlas, bei dem sich schachbrettartig Kett- und Schußbetonte Partien abwechseln. Jede dieser Partien besteht aus je acht Kett- und Schußfäden.

Jetzt müssen wir uns nur noch vorstellen, daß diese hellen und dunklen Klötzchen jeweils Pixel seien, schwarze und weiße Pixel, und daß wir sie nach belieben anders gruppieren können. Weil jedes Pixel besteht aus acht Kett- und acht Schußfäden besteht, wird ein Pixel umso kleiner, je feiner das Garn ist. Je kleiner die Pixel, desto detaillierter sind die Muster, die sich daraus bilden lassen.

Diese beiden Entwürfe stammen aus einem Manuskript von 1690. Das sind wahrscheinlich Damastmuster:

Was man damit alles machen kann, wenn man nur genügend kleine Pixel benutzt, läßt sich sehr schön unter den Stichworten “1-bit pixel art” sehen. Genau so entstehen die Muster, die man von Damaststoffen kennt. 1-bit deshalb, weil Damastmuster binär sind: Entweder sieht man vor allem den Schuß, oder man sieht vor allem die Kette. Null oder eins. Es muß nicht schwarz-weiß sein, es kann auch gelb-blau sein – aber immer nur zwei Farben.

Und nun noch ein paar Worte zu Jacquard, weil es so schwierig ist, dafür eine vernünftige Definition zu finden. Entweder sind sie nur halb richtig, oder so oberflächlich, daß man sich nichts drunter vorstellen kann.

Jacquard ist zunächst einfach nur ein Stoff, der auf einem Jacquard-Webstuhl hergestellt wurde. Es kann unter anderem ein Damast sein. Zwei Dinge unterscheiden den Jacquard- vom Damastwebstuhl:

1. Beim Damastwebstuhl kann man immer nur ganze Bindungsrapporte (“Pixel”) auf einmal manipulieren, so daß jede Diagonale oder Kurve bei hinreichend genauem hinsehen aus Treppen besteht, wie Herzen oben. Beim Jacquard-Webstuhl kann man die Kettfäden einzeln manipulieren, was eine Glättung von Diagonalen und Kurven ermöglicht. Jacquard ist quasi das Anti-aliasing der Weberei.

2. Beim Damastwebstuhl muß der Weber von Hand einstellen, welches Pixel hell wird und welches dunkel, immer wieder neu, und wehe, wenn dabei ein Fehler passiert! Der Jacquardwebstuhl macht das quasi von allein, indem er Lochkarten ausliest, mit denen das Muster vorher programmiert wurde. Als Binärcode: Loch/nichtLoch. Der Weber sorgt nur noch dafür, daß die nächste Karte ausgelesen wird, und schießt den Schützen durchs Fach. Wenn die Programmierung nicht buggy ist, kann der Weber keine Webfehler mehr machen.

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