{"id":2515,"date":"2017-10-14T01:41:21","date_gmt":"2017-10-14T00:41:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=2515"},"modified":"2021-04-10T01:59:18","modified_gmt":"2021-04-10T00:59:18","slug":"kette-leinen-schus-wolle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=2515","title":{"rendered":"Kette Leinen, Schu\u00df Wolle"},"content":{"rendered":"<p>Heilig&#8217;s Blechle, vor lauter weben und n\u00e4hen habe ich ein Jahr schon nichts mehr gepostet!<\/p>\n<p>Dabei habe ich in der Zwischenzeit sogar historisches gewebt, n\u00e4mlich karierte Leinenstoffe nach Stoffproben aus dem 18. Jh. Da war allerdings nichts au\u00dferordentlich spannendes oder speziell historisches daran, au\u00dfer eben, da\u00df jeweils exakt dieses Karo historisch nachweisbar war.<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-2515 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?attachment_id=2529'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/maurepas3_medium-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-2529\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-2529'>\n\t\t\t\tMaurepas Papers, 1743\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?attachment_id=2526'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/20170701_170000_small2-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?attachment_id=2527'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/manchester42_small-150x150.png\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-2527\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-2527'>\n\t\t\t\tManchester, 1771\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><br style=\"clear: both\" \/><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?attachment_id=2528'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/manchester42_small2-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt><\/dl>\n\t\t\t<br style='clear: both' \/>\n\t\t<\/div>\n\n<p>Aber mein jetziges Projekt ist etwas spannender. Ich mu\u00df allerdings ein wenig ausholen.<\/p>\n<p>Aus der englischsprachigen Literatur zum 18. Jh. kenne ich einen Stoff namens linsey-woolsey, bestehend aus Leinenkette und wollenem Schu\u00df. Er wird als eher grob, einfach beschrieben, ein Stoff f\u00fcr arme Leute. Aber andererseits wurden Bettvorh\u00f6nge daraus gemacht, das klingt gar nicht so einfach und sieht auf Fotos erhaltener St\u00fccke auch nicht sonderlich grob aus &#8211; manche Exemplare aber schon.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Na jedenfalls, ich wu\u00dfte zun\u00e4chst nicht, ob es im deutschen Sprachraum solche Stoffe gab, es erschien mir aber wahrscheinlich. Aber unter welchem Stichwort sollte ich danach suchen? Irgendwie kam mir dann der Begriff &#8222;Beiderwand&#8220; unter. Der ist nicht ohne, weil es noch <a href=\"http:\/\/www.rdklabor.de\/wiki\/Beiderwand\">ein anderes Gewebe gibt, das auch Beiderwand genannt wird<\/a>. Aber ich fand dann doch einen einsamen <a href=\"http:\/\/textileflaeche.blogspot.de\/2013\/04\/beiderwand-mein-neues-projekt.html\">Blogeintrag von Marled Mader<\/a>, wo ich wieder neue Begriffe fand, nach denen ich in historischen Quellen suchen konnte. Ich fand viel, aber nicht genug: Noch viel mehr Begriffe n\u00e4mlich, oder eher alternative Schreibweisen, aber keine Beschreibungen, die mir mehr sagten als das, was ich schon wu\u00dfte: Kette Leinen, Schu\u00df Wolle. Als Webarten wurden Leinwand und K\u00f6per genannt, von Farben war nie die Rede. Ich hatte gehofft, Hinweise darauf zu finden, da\u00df man sich die Tatsache zunutze gemacht hat, da\u00df Wolle leichter zu f\u00e4rben ist als Leinen, um bunte Schu\u00dfstreifen zu erzielen. Zeitgen\u00f6ssische Zitate in <em>Textiles in America<\/em> hatten bei mir diesen Eindruck erweckt. Z.B. von John Fanning, undatiert: &#8222;Their petticoats of linsey-woolsey, were striped with gorgeous dyes&#8230;&#8220; Und bei Perkins, 1833, &#8222;white, blue, blue and white mixed, blue and red mixed, and striped, of various colours.&#8220;<\/p>\n<p>Die wenigen Abbildungen, die ich gefunden habe, waren die einfarbigen Bettvorh\u00e4nge (im V&amp;A, glaube ich), ein einfarbiger Anzug (Metmuseum? Ich finde ihn nicht mehr), sowie ein einfarbig roter Stoff und ein paar gestreifte Stoffe in John Styles&#8216; <em>The Dress of the People<\/em>, n\u00e4mlich:<\/p>\n<ul>\n<li>Rot-Wei\u00df gestreift, wobei es so aussieht, als ob die wei\u00dfen<br \/>\nSchu\u00dfstreifen aus dem gleichen Leinen w\u00e4ren wie die Kette, und deutlich d\u00fcnner als der Wollschu\u00df. Verwendung: Rock. S. 284<\/li>\n<li>Verschieden breite dunkel- und hellblaue Streifen mit gleich dicker Kette, deutlich dicker als die Stecknadel, also vllt. 1mm (S. 264)<\/li>\n<li>Braun-wei\u00df gestreift, die Streifen je 2 F\u00e4den breit und deutlich dicker als die Kette (S. 264)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Au\u00dferdem<\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/digitaltmuseum.se\/011023522752\/troja?sort_by=&amp;search_context=1&amp;count=534&amp;rows=24&amp;from_year=1600&amp;query=dr%C3%A4kt&amp;slide=0&amp;pos=234&amp;to_year=1799&amp;page=10\">Wei\u00df-rot-gr\u00fcn gestreiftes Manteau de Lit<\/a> im Nordiska Museet &#8211; Kreuzk\u00f6per<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/digitaltmuseum.se\/011023079187\/kjol\">Rock, gestreift in zwei T\u00f6nen Blau, zwei T\u00f6nen Rot und Wei\u00df<\/a>, Nordiska Museet<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/digitaltmuseum.se\/011023079100\/livkjol\">Leibrock, Braun mit Streifen in Rosa, Gelb, Hellblau und Gr\u00fcn<\/a>. Nordiska Museet<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.mfa.org\/collections\/object\/petticoat-119794\">Rock, blau und rot gestreift<\/a> im MfA Boston<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/digitaltmuseum.se\/011023359864\/vast\">M\u00e4nnerweste, rot-wei\u00df gestreift mit Hell-, Dunkelblau und Gr\u00fcn<\/a>. Nordiska Museet &#8211; K\u00f6per<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu meiner Entt\u00e4uschung weisen die wenigen gestreiften Stoffe oft ausgerechnet solche Farben auf, die man auch auf Leinen leicht h\u00e4tte f\u00e4rben k\u00f6nnen. Die Bettvorh\u00e4nge waren farblich auch wenig spannend; nur die einfarbig roten Stoffe und die skandinavischn Teile passen zu der These, da\u00df die Motivation, solch unterschiedliche Fasern wie Leinen und Wolle zusammenzubringen, darin lag, da\u00df Wolle leichter zu f\u00e4rben war. Die Schweden rei\u00dfen es hier eindeutig raus &#8211; aber liegt das daran, da\u00df sich dort b\u00e4uerliche Kleidungsst\u00fccke eher erhalten haben als woanders, oder war ihre Beiderwand bunter als woanders? Irgendeinen guten Grund mu\u00df es jedenfalls gegeben haben, denn so richtig gut passen die Fasern nicht zusammen. Das Gewicht kann es nicht sein, weil Leinen schwerer ist als Wolle. Leinen l\u00e4\u00dft sich gut hei\u00df waschen, Wolle ist beim waschen heikel. Weniger &#8222;warm&#8220; als reine Wolle d\u00fcrfte es auch nicht gewesen sein, nicht zuletzt, weil Wolle an sich gar nicht warm ist &#8211; sie isoliert nur gut. Bleibt eigentlich nur der Preis, und da bin ich noch am forschen.<\/p>\n<p>Wenn es um Artefakte und ihre Preise geht, schaue ich gern bei den <a href=\"https:\/\/www.oldbaileyonline.org\/\">Proceedings of the Old Bailey<\/a> nach. Zu <em>linsey-woolsey<\/em> fand ich im 18. Jh.: 3x Vorh\u00e4nge, 3x Bettvorh\u00e4nge, 3x Sch\u00fcrze, 2x Weste und 1x Rock. Der Rest war Meterware. An Farben 3x Blau, 1x Wei\u00df und 1x Rot-Wei\u00df gestreift, sonst ungenannt. Die Preise scheinen sich um 0,75-1 shilling pro yard (0,91 m) zu bewegen. Leinen und andere einfache Stoffe sind \u00e4hnlich angesiedelt; nicht n\u00e4her bezeichnete Seidenstoffe liegen bei 1,5-2 shillings, Damast und Brokat um die 10 shillings pro yard. Beim Vergleich mit eher einfachen Stoffen bin ich noch nicht so weit gediehen, weil die Aufzeichnungen teils nicht eindeutig sind (was z.B. ist <em>stuff<\/em>?), teil \u00fcberspezifisch, d.h. da wird exakt unterschieden zwischen verschiedenen Sorten von Baumwoll- oder Leinenstoffen. Und Wollstoffe sind erst richtig schlimm! Bei Baumwollstoffen scheint es Richtung 1-1,5 s\/yd zu gehen. Die Unterschiede klingen gering, aber wenn das <a href=\"https:\/\/www.oldbaileyonline.org\/static\/Coinage.jsp#wages\">Jahresgehalt einer Hausangestellten bei 40 bis 160 shillings lag<\/a> (3,33 bis 13,33 pro Monat), dann zahlt die einfache K\u00fcchenmagd f\u00fcr einen Rock aus 3 yards Beiderwand etwa 2\/3 eines Monatsgehalts, und f\u00fcr einen aus z.B. gestreiftem Baumwollstoff fast ein ganzes.<\/p>\n<p>Momentan existiert meine Liste der diversen Namen nur auf einem Zettel, der fr\u00fcher oder sp\u00e4ter verschwinden wird. Dies ist mein Backup:<\/p>\n<p>Beiderwand<br \/>\nBeilwand<br \/>\nBerwes<br \/>\nWeidawand<br \/>\nBeederman<br \/>\nPetermann<\/p>\n<p>Tirtig\/Tirtich<br \/>\nTirtei\/Tirte<br \/>\nDirredei<br \/>\nTirchen<br \/>\nTierentein<br \/>\nTierentey<br \/>\nTiretaine*<br \/>\nTijretijn (niederl\u00e4ndisch)<\/p>\n<p>*) eine Suche nach Tiretaine findet in franz\u00f6sischen Quellen au\u00dferdem Berluche\/Br\u00e9luche (gestreift), B\u00e9linges und Berlingue.<\/p>\n<p>Offenbar gibt es zwei etymologische Familien: Eine um den deutsch wirkenden Begriff Beiderwand herum und eine anscheinend franz\u00f6sischst\u00e4mmige um Tiretaine herum, mit niederl\u00e4ndischen und deutschen Ableitungen und sogar einer Quelle, die den schottischen Tartan damit in Verbindung brachte. Marled listet au\u00dferdem noch <em>Wullaken<\/em> auf, was keine Verwandschaft aufzuweisen scheint, aber es gibt eine gewisse \u00c4hnlichkeit zu den franz\u00f6sischen Begriffen um Berluche und B\u00e9linges.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h6>Nachtrag.<\/h6>\n<p>Aus Peter Nath Sprengels <em>Handwerke und K\u00fcnste in Tabellen. Die Woll- und Seidenfabriken<\/em>. Berlin: Verlag der Buchhandlung der Realschule,1776:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Der schlechteste Zeug, wozu Schafwolle genommen wird, ist der sogenannte <strong>gestreifte Flanell<\/strong>. [&#8230;] nur der Einschu\u00df von Schafwolle, die Kette aber von leinen Garn&#8230; Zur Kette deses Zeuges nimmt man ein dunkelgef\u00e4rbtes leinenes Garn, zum Einschlag aber gef\u00e4rbte Wolle, die von K\u00e4mmling [K\u00e4mmabfall, d. S\u00e4zz.] und einem Zusatz von schlechter aber \u00fcbrigens guter Wolle gesponnen wird. Man webet diesen Zeug leinwandsartig, und giebt ihm durch den gef\u00e4rbten wollenen Einschlag Streifen von verschiedenen Farben. (S. 70)<\/p><\/blockquote>\n<h6>Nachtrag 2.<\/h6>\n<p>Inzwischen glaube ich zu wissen, warum ich unter &#8222;Beiderwand&#8220; zwei grundverschiedene Gewebe fand: Beide haben Leinen als Kette und Wolle als Schu\u00df. Aber w\u00e4hrend linsey-woolsey ein einfaches Leinwandgewebe ist, ist Beiderwand ein Doppelgewebe, dessen eine Lage komplett aus Leinen besteht, die andere aus Leinen-Kette und Woll-Schu\u00df mit Leinen-Zwischenschu\u00df. Indem mal die eine, mal die andere Lage nach oben tritt, ergeben sich\u00a0 kunstvolle Muster. Da sogar englischsprachige Weber*innen Beiderwand im letzteren Sinne kennen, w\u00e4re es wohl angebracht, f\u00fcr das \u00c4quivalent von linsey-woolsey einen anderen Begriff zu verwenden. Sprengels &#8222;gestreifter Flanell&#8220; b\u00f6te sich an, weil historisch verb\u00fcrgt, aber &#8222;Flanell&#8220; an sich ist schon anderweitig besetzt. Dann vielleicht doch Tirtich? Oder Dirredei?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heilig&#8217;s Blechle, vor lauter weben und n\u00e4hen habe ich ein Jahr schon nichts mehr gepostet! Dabei habe ich in der Zwischenzeit sogar historisches gewebt, n\u00e4mlich karierte Leinenstoffe nach Stoffproben aus dem 18. Jh. 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