{"id":2597,"date":"2018-10-14T15:51:34","date_gmt":"2018-10-14T14:51:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=2597"},"modified":"2020-07-14T14:26:33","modified_gmt":"2020-07-14T13:26:33","slug":"details-2-roben-armel-sensationen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=2597","title":{"rendered":"Nachts im Museum \u2014 Details 2 \u2014 Roben, \u00c4rmel, Sensationen"},"content":{"rendered":"<p>Wie bei jedem Jahrmarktschreier geringf\u00fcgig \u00fcbertrieben. \ud83d\ude09<\/p>\n<p>Wer \u00c4rmel mit Fl\u00fcgel-Aufschl\u00e4gen machen will, steht zwangsl\u00e4ufig vor der Frage, was wo wie befestigt wird. Die Vorstellung, da\u00df der hintere Teil des Fl\u00fcgels frei flottiert und es dabei wom\u00f6glich gar von hinten an den Ellenbogen zieht, widerstrebt dem modernen Empfinden. Und so sieht man dann auf historischen Veranstaltungen oder im Film die allerseltsamsten Konstruktionen: Fl\u00fcgel, die rundum am \u00c4rmel angen\u00e4ht werden, wom\u00f6glich noch auf den Oberarm verlegt (siehe &#8222;Katharina die Gro\u00dfe&#8220; im <a href=\"http:\/\/www.marquise.de\/de\/1700\/grusel\/index.shtml\">Gruselkabinett<\/a>), oder sie werden oben zugen\u00e4ht oder, ganz originell, es wird ein halbmondf\u00f6rmiger &#8222;Deckel&#8220; oben auf den Fl\u00fcgel gesetzt.<\/p>\n<p>Deshalb fotografiere ich leidenschaftlich gern von unten und hinten in \u00c4rmel hinein.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1a.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2599\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1a-232x300.jpg\" alt=\"\" width=\"232\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1a-232x300.jpg 232w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1a.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 232px) 100vw, 232px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Bei einer Seidendamast-Jacke in der &#8222;Kleiderwechsel&#8220;-Dauerausstellung des Germanischen Nationalmuseums scheinen die Fl\u00fcgel tats\u00e4chlich fast rundum angen\u00e4ht zu sein, bis auf eine Fingerbreit. Das weicht aber so stark von den meisten anderen Kleidungsst\u00fccken ab, da\u00df sich die Frage stellt, ob das von Anfang an so war \u2013 oder ob nicht irgendein Besitzer im Lauf der Jahrhunderte auch dieses oben erw\u00e4hnte Widerstreben empfand und Ma\u00dfnahmen ergriff. Oder vielleicht ist die Versteifung der Fl\u00fcgel ihrem Gewicht nicht gewachsen, so da\u00df sie unsch\u00f6n herunterhingen, wenn sie normal angen\u00e4ht w\u00e4ren. Fragt nicht, wie ich auf sowas komme&#8230;<!--more--><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2598\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-300x167.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"167\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-300x167.jpg 300w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-768x427.jpg 768w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-1024x569.jpg 1024w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1.jpg 1471w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Von unten sieht man leider nicht so viel, weil der \u00c4rmel zu weit von Vitrinenglas weg ist und jemand ihn auch unten zugezwickt hat. Immerhin, man sieht: Einen dunklen Rand, vielleicht 2 cm breit, das ist ziemlich sicher das Futter des Fl\u00fcgels. Mit Saumstich zur\u00fccktretend an den Oberstoff staffiert, wie es sich f\u00fcr die Zeit geh\u00f6rt. Den helleren Stoff oberhalb davon halte ich f\u00fcr das Futter des \u00c4rmels. Der Fl\u00fcgel wird also weder mit seiner Oberkante noch mit seiner Unterkante an die Unterkante des \u00c4rmels gen\u00e4ht, sondern die Teile werden teilweise, aber nicht ganz ineinandergeschoben. Da das \u00c4rmelfutter hier hart der Linie des Fl\u00fcgels folgt, m\u00fcssen die Teile offenbar nicht nur an der Oberkante des Fl\u00fcgels, sondern auch an der Unterkante des \u00c4rmels zusammengen\u00e4ht worden sein.<\/p>\n<p>Hm. Habe ich das unverst\u00e4ndlich genug ausgedr\u00fcckt? Schnell mal &#8217;ne Skizze:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermelskizze.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2604\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermelskizze-300x290.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"290\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermelskizze-300x290.jpg 300w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermelskizze.jpg 518w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Betrachten wir den n\u00e4chsten \u00c4rmel, ebenfalls im GNM, Sonderausstellung &#8222;Luxus in Seide&#8220;. F\u00fcr den \u00dcberblick zun\u00e4chst das ganze Gewand von der Seite. Der \u00c4rmel, um den es geht, ist uns hier zugewandt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/gnmandrienne.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2606\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/gnmandrienne-140x300.jpg\" alt=\"\" width=\"140\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/gnmandrienne-140x300.jpg 140w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/gnmandrienne.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 140px) 100vw, 140px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Zuerst wieder der Blick von hinten: Hier darf der Fl\u00fcgel hinten frei flattern. Dieser ist mit ungebleichtem Leinen gef\u00fcttert und hat die Naht, die den Fl\u00fcgel zum Ring schlie\u00dft, offenbar auf der Seite, zum K\u00f6rper hin. Das ist anders als in den bekannten Schnittdiagrammen (Arnold, Waugh), die eine Naht in der Armbeuge zeigen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2624\" style=\"width: 188px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2624\" class=\"size-medium wp-image-2624\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-1-178x300.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-1-178x300.jpg 178w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel1-1.jpg 592w\" sizes=\"auto, (max-width: 178px) 100vw, 178px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2624\" class=\"wp-caption-text\">Bild von Tina Bernath zu Bernathfalva<\/p><\/div>\n<p>Von unten sieht es deutlich anders aus als bei der Jacke eben. Um die Armbeuge herum scheint der \u00c4rmel bis zur Unterkante des Fl\u00fcgels zu reichen und ist dann nur etwa zur H\u00e4lfte herum angen\u00e4ht. Auf der linken Seite, etwa auf halber H\u00f6he, sieht man wie das \u00c4rmelfutter und der Fl\u00fcgel immer weiter auseinanderwandern. Aber, seltsam: vom Fl\u00fcgel sehen wir hier nicht das Leinenfutter, sondern die Seide. Was ist da los? Und wie schafft es der \u00c4rmel, hinter dem Horizont des Rockes zu verschwinden &#8211; der ist doch gar nicht so lang\/weit?<\/p>\n<div id=\"attachment_2625\" style=\"width: 235px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel2-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2625\" class=\"size-medium wp-image-2625\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel2-1-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel2-1-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel2-1.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 225px) 100vw, 225px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-2625\" class=\"wp-caption-text\">Bild von Tina Bernath zu Bernathfalva<\/p><\/div>\n<p>Die Naht im Futterleinen ist die Antwort: An die hintere Unterkante des \u00c4rmels wurde ein etwa halbovales oder halbmondf\u00f6rmiges Teil angest\u00fcckelt, um ihn zu verl\u00e4ngern, so da\u00df er die R\u00fcckseite des Ellenbogens bedeckt. Was uns wieder zur\u00fcck an den Anfang dieses Posts f\u00fchrt: Das moderne Empfinden, das wom\u00f6glich dem der originalen Tr\u00e4gerin gar nicht so un\u00e4hnlich ist, und die originelle L\u00f6sung, der halbmondf\u00f6rmige Deckel \u2013 nur da\u00df dieser nicht oben aufgen\u00e4ht ist, sondern innen frei herunterh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Diese Vorgehensweise war offenbar auch nicht so ungew\u00f6hnlich, wie wir beim letzten \u00c4rmel sehen. Diese Fran\u00e7aise steht (derzeit) in der neuen Barock-Dauerstausstellung des Bay<del>e<\/del>rischen Nationalmuseums. Sie ist auf &#8222;um 1750&#8220; datiert und insofern ungew\u00f6hnlich, als sie einerseits noch Fl\u00fcgel\u00e4rmel hat (die um 1750 aus der Mode kommen), aber schon eine Comp\u00e8re. Wei\u00dft Du noch, die rote Chintzrobe aus dem vorigen Post? Die hat eine Comp\u00e8re und Volants. Und wurde trotzdem auf 1740-75 datiert. Bei einer Comp\u00e8re br\u00e4uchte ich schon ziemlich starke Indizien, um ein Datum vor 1750 draufzupappen. (Und nebenbei gesagt, bei \u00c4rmelvolants auch.)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/streifenrobe.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2608\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/streifenrobe-188x300.jpg\" alt=\"\" width=\"188\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/streifenrobe-188x300.jpg 188w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/streifenrobe.jpg 376w\" sizes=\"auto, (max-width: 188px) 100vw, 188px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Tolles St\u00f6ffchen, und \u00fcberhaupt, Streifen! Hach.<br \/>\nDie Beleuchtung erlaubt es leider nicht, zu sehen, was in dem Fl\u00fcgel vorgeht. Von hinten konnte ich auch nichts sehen, weil Madame mit dem R\u00fccken weit vom Vitrinenglas weg steht. Aber eine freundliche Zeitgenossin hat den \u00c4rmel mit gr\u00fcn-wei\u00df gestreiftem (mutma\u00dflich) Taft gef\u00fcttert, so da\u00df man deutlich eine Verl\u00e4ngerung des \u00c4rmels erkennen kann. Die Streifen sind durchgehend, d.h. die Verl\u00e4ngerung k\u00f6nnte angeschitten sein \u2013 zumindest im Futter. Ganz oben im \u00c4rmel sieht man etwas wei\u00dfes. Da das Futter mit Faltenw\u00fcrfen dahinter verschwindet, gehe ich davon aus, da\u00df das eine vom Museum eingef\u00fcgte St\u00fctze ist, damit der \u00c4rmel nicht flach h\u00e4ngt (bei der vorigen Robe aus dem GNM sieht man das auch). Wenn man genau hinschaut, sieht man direkt darunter einen Hauch von Rosa im Wei\u00df der Futterstreifen. Ich glaube, da f\u00e4llt das Licht von hinten in den offen h\u00e4ngenden Fl\u00fcgel und durch einen der lila Streifen des Oberstoffs.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-2602\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel4-115x300.jpg\" alt=\"\" width=\"115\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel4-115x300.jpg 115w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/aermel4.jpg 330w\" sizes=\"auto, (max-width: 115px) 100vw, 115px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie bei jedem Jahrmarktschreier geringf\u00fcgig \u00fcbertrieben. \ud83d\ude09 Wer \u00c4rmel mit Fl\u00fcgel-Aufschl\u00e4gen machen will, steht zwangsl\u00e4ufig vor der Frage, was wo wie befestigt wird. 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