{"id":2663,"date":"2019-04-25T01:08:27","date_gmt":"2019-04-25T00:08:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=2663"},"modified":"2023-12-01T11:53:40","modified_gmt":"2023-12-01T10:53:40","slug":"webbreiten-im-18-jahrhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=2663","title":{"rendered":"Webbreiten im 18. Jahrhundert"},"content":{"rendered":"<p>Bei einer Diskussion \u00fcber feine Kettgarne und Webbreite auf Ravelry kam mir ein Geistesblitz.<\/p>\n<p>Es wird oft behauptet, da\u00df Stoffe im 18. Jh. schmaler waren als heute, weil beim Handweben die Armspannweite des Webers keine breiteren Stoffe erlaubt. In gewisser Weise stimmt das, denn die heute \u00fcblichen 150 cm Breite schafft nur ein Orang Utan. Aber die damals \u00fcblichen Stoffbreiten lagen bei 70-120 f\u00fcr Leinen und Baumwolle, 40-60 bei Seide, und f\u00fcr Wolle (<em>broad<\/em>cloth) ist \u00fcberliefert, da\u00df zwei Weber daran arbeiteten, bis irgendwann im Lauf des 18. Jh. der Schnellschu\u00df entwickelt wurde.<\/p>\n<p>Je nach Geometrie des Webstuhls schaffe ich 100 cm spielend oder 120 cm mit M\u00fche, und ich bin eher kurzgliedrig. Breiten bis 100 cm sind also kein Ding, aber die traditionelle Webbreite f\u00fcr Leinenstoff liegt bei 80 cm.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Schnellschu\u00df, der die Armspannweite irrelevant macht, war schon erfunden und technisch nicht schwer zu bauen. Nur der verf\u00fcgbare Platz in der guten Stube konnte einen Heimweber daran hindern, breiter als 120 cm zu weben &#8211; unter der Annahme, da\u00df es sich meistens um M\u00e4nner handelte, die l\u00e4ngere Arme hatten als ich, sonst halt 100 cm. Das ist immer noch breiter als die 70-80 cm, die man meist bei handgewebten Stoffen findet.<\/p>\n<p>Leinen- und Wollweber waren oft Heimarbeiter und Nebenerwerbslandwirte, wie in &#8222;Die junge Haush\u00e4lterinn&#8220; nachzulesen. Ihr Webstuhl nahm einen guten Teil der guten Stube ein, wie man im Freilandmuseum Bad Windsheim sehen kann. Es ist aber davon auszugehen, da\u00df Seidenweber Profis waren, die entweder in einer Manufaktur arbeiteten oder eine Werkstatt hatten, d.h. Platz war eher nicht ihr Problem.<\/p>\n<p>Der Webstuhl konnte in einer Manufaktur theoretisch so breit sein, wie es die Armspannweite erlaubte, und wenn die Schu\u00dffarbe nicht wechseln mu\u00dfte, auch breiter. (Ich habe noch nicht herausgefunden, ab wann man beim Schnellschu\u00df auch Farben wechseln konnte.)<\/p>\n<p>Also warum die geringe Webbreite?<\/p>\n<p>Ein m\u00f6glicher Grund ist, da\u00df es bei einer schmalen Stoffbahn leichter ist, den \u00dcberblick zu behalten und somit Webfehler zu vermeiden. Bei so komplexen Mustern wie Lampas lis\u00e9r\u00e9 und so kostbarem Material wie Seide ist das wichtig.\u00a0 Ein anderer, auf den ich eben kam:<\/p>\n<p>Man mu\u00df weniger Litzen stechen. Das ist eine langwierige Arbeit, die h\u00f6chste Konzentration erfordert, weil dabei leicht Fehler passieren, die sich dann durch den ganzen Stoff ziehen. Bei Damast und Brokat, wo alle F\u00e4den durch <em>zwei<\/em> Litzen gehen m\u00fcssen, und Lampas mit seinen zwei Kettsystemen, ist die potentielle Fehlerquote noch h\u00f6her.<\/p>\n<p>Was, wenn die schmale Webbreite nicht etwa daher kam, da\u00df die Webst\u00fchle besonders schmal waren, sondern daher, da\u00df es f\u00fcr die Weber effizienter war, 3000 Litzen zu stechen und 40 Meter zu weben, als 6000 Litzen zu stechen und 20 Meter zu weben? Und das war dann der Grund, da\u00df die Webst\u00fchle schmal sein durften.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Nachbau einer Robe \u00e0 la fran\u00e7aise braucht man ca. 8 Meter bei 150 cm Breite. Bei 50 cm Breite also 24 Meter. Wieviele Roben eines Damast- oder Brokatmusters kann ein Weber absetzen, wenn die potentielle Kundschaft sich auf wenige tausend in ganz Europa beschr\u00e4nkt? Wieviele Meter sind n\u00f6tig, damit es sich lohnt, eher 9000 als 3000 Litzen zu stechen, wenn man in Betracht zieht, wie leicht man sich dabei vertut?<\/p>\n<p>Ich kann keine dieser Fragen beantworten, aber ich halte es f\u00fcr m\u00f6glich, da\u00df es drauf hinausl\u00e4uft, da\u00df es effizienter ist, im Fall vom Seide, und besonders von Damast oder Brokat, eine schmale und lange Kette zu weben als eine breite und kurze.<\/p>\n<p>Und dann kommt noch das Trumm hinzu, der Teil der Kette, der nicht abgewebt werden kann und Abfall ist. Je kostbarer das Garn, desto weniger Trumm will man haben, und doppelte Breite bedeutet die doppelte Menge Trumm; doppelte Kettl\u00e4nge bedeutet in Relation zur Stoff-Ausbeute halb so viel Trumm.<\/p>\n<p>Und was ist mit Leinen? Da vermute ich, da\u00df die Webbreite auf das abgestimmt wurde, was die Kundschaft damit machen wollte: F\u00fcr Leibw\u00e4sche ist eine Breite von um die 80 cm ideal, damit man m\u00f6glichst wenig Verschnitt und m\u00f6glichst wenig Vers\u00e4uberungsarbeit hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei einer Diskussion \u00fcber feine Kettgarne und Webbreite auf Ravelry kam mir ein Geistesblitz. Es wird oft behauptet, da\u00df Stoffe im 18. Jh. schmaler waren als heute, weil beim Handweben die Armspannweite des Webers keine breiteren Stoffe erlaubt. 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