{"id":679,"date":"2010-07-21T22:38:53","date_gmt":"2010-07-21T21:38:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=679"},"modified":"2010-07-21T23:15:48","modified_gmt":"2010-07-21T22:15:48","slug":"experimente-mit-leinen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/?p=679","title":{"rendered":"Experimente mit Leinen"},"content":{"rendered":"<p>Es hei\u00dft ja immer, Leinen und Baumwolle seien mit Pflanzenfarben nicht oder zumindest nicht vern\u00fcnftig zu f\u00e4rben.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nBettinletts (meist Baumwolle) waren bis tief ins 20. Jh. sehr oft rot, und die Bez\u00fcge hatten Spitzendurchbr\u00fcche &#8211; kennt noch jemand die Deckenbez\u00fcge mit gro\u00dfen rautenf\u00f6rmigen Ausschnitten auf der Oberseite? Heutzutage versteckt man die \u00e4sthetisch wertlosen Inletts lieber, aber damals zeigte man sie gern. Warum? Weil man das Rot sehen sollte, vermute ich. Und was war an dem Rot so toll, da\u00df man es sehen soll? <!--more-->Ich vermute, da\u00df es das ber\u00fchmte, s\u00fcndhaft teure T\u00fcrkischrot war &#8211; zumindest urspr\u00fcnglich. Wenn dem so ist, dann d\u00fcrften auch die Inletts j\u00fcngerer Zeit, obwohl sicherlich chemisch gef\u00e4rbt, in etwa den Farbton gehabt haben wie das echte T\u00fcrkischrot. Also einen ziemlich knackigen. Und weil T\u00fcrkischrot v.a. im 18. Jh. noch mit Krapp gef\u00e4rbt wurde, mu\u00df man mit Krapp auf Pflanzen eben doch ein ordentliches Rot hinkriegen k\u00f6nnen.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nSoviel zur Hypothese. In einem F\u00e4rbebuch von 1780, das sich v.a. mit Leinen und Baumwolle besch\u00e4ftigt, fand ich einige Rezepte f\u00fcr Beizen und viel halb-alchimistische Theorie dar\u00fcber, warum welche Beize welchen Farbton ergibt. Viele der Beizmittel hatte ich nicht zur Hand &#8211; Salpetergeist z.B. oder Gall\u00e4pfel &#8211; aber die wichtigeren doch. Welche Beize w\u00fcrde denn nun wirklich eine Farbver\u00e4nderung bewirken, und welche?<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<strong>Die Versuchsanordnung<\/strong><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><div id=\"attachment_683\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-683\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment1-300x131.jpg\" alt=\"Versuchsanordnung\" title=\"experiment1\" width=\"300\" height=\"131\" class=\"size-medium wp-image-683\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment1-300x131.jpg 300w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment1.jpg 911w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-683\" class=\"wp-caption-text\">Versuchsanordnung<\/p><\/div><br \/>\nMehrere St\u00fccke gbleichten IKEA-Leinens \u00e0 10-12 Gramm wurden mit den Namen der Beizmittel beschriftet.<br \/>\nF\u00fcr jedes wurde eine Beizmischung zusammengestellt und in genug Wasser aufgel\u00f6st, da\u00df der Stoff schwimmen konnte (ca. 700 ml). Wegen der geringen Stoffmenge waren die Mengen so gering, da\u00df ich sie nicht abwiegen konnte &#8211; aber f\u00fcr mehr Stoff h\u00e4tte ich mehr Krapp gebraucht, und ich wollte ihn nicht verschwenden. Die Rezepte sahen also so aus:<br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>1\/8 Teel\u00f6ffel Alaun<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/2 TL Kalk<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/16 TL Zinnchlorid<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/8 TL Pottasche<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/8 TL Pottasche + 1\/16 TL Zinnchlorid<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/8 TL Soda + 1\/16 TL Zinnchlorid<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/16 TL Weinstein + 1\/16 TL Eisensulfat<\/li>\n<li>1\/8 TL Alaun + 1\/16 TL Weinstein + 1\/16 TL EisenKupfersulfat<\/li>\n<\/ul>\n<p><div id=\"attachment_689\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-689\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment2-300x225.jpg\" alt=\"Die Eisenvitriol-Beize\" title=\"experiment2\" width=\"300\" height=\"225\" class=\"size-medium wp-image-689\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment2-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment2.jpg 533w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-689\" class=\"wp-caption-text\">Die Eisenvitriol-Beize<\/p><\/div>Jedes Stoffst\u00fcck wurde f\u00fcr sich ca. 30 min. in der Beize gekocht, f\u00fcr sich getrocknet und dann f\u00fcr sich ausgesp\u00fclt. (Inzwischen haben mehrere Quellen best\u00e4tigt, da\u00df man das F\u00e4rbegut nach dem Beizen auswaschen sollte.)<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nF\u00fcr insgesamt 93 g Stoff wurden 100 g Krapp 24 Std. eingeweicht, eine Stunde erhitzt (aber nicht deutlich \u00fcber 60\u00b0), abgeseiht und dann das ganze F\u00e4rbegut auf einmal eingelegt. Im Verlauf von 3 Stunden habe ich es immer wieder auf gut 60\u00b0 erhitzt und dann den Herd wieder ausgemacht, damit nicht etwa durch Dauerfeuer die Temperatur auf \u00fcber 70\u00b0 steigt. Zum Schlu\u00df lie\u00df ich es nochmal ganz kurz richtig hei\u00df werden und dann mit dem F\u00e4rbegut darin 24 Stunden ausk\u00fchlen. Dann durfte das ganze unausgesp\u00fclt trocknen. Danach sah es so aus:<br \/>\n<div id=\"attachment_692\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-692\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment3-300x153.jpg\" alt=\"F\u00e4rbeergebnis\" title=\"experiment3\" width=\"300\" height=\"153\" class=\"size-medium wp-image-692\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment3-300x153.jpg 300w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment3.jpg 784w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-692\" class=\"wp-caption-text\">F\u00e4rbeergebnis<\/p><\/div><\/p>\n<p>Das sieht erstmal reichlich entt\u00e4uschend aus: Nicht nur ist die Farbe Rosa statt Rot, sondern auch noch ziemlich vergraut. Aber das ficht mich nicht an, denn laut o.g. F\u00e4rbebuch mu\u00df das Ganze noch ca. 15 min. in einer &#8222;starcken Saiffenlauge&#8220; ausgekocht werden. Die ausgekochten Stoffst\u00fccke trocknen im Moment noch.<br \/>\n&nbsp;<br \/>\nWeil der Krappsud noch immer reichlich rot aussah, warf ich noch 50 g Wolle und 10 g Seide hinein, dazu die abgeseihten Krappst\u00fccke, lie\u00df sie an die zwei Stunden bei 60\u00b0 drin und, wie \u00fcblich, mit dem Sud ausk\u00fchlen. Der Vergleich mit dem Leinen zeigt deutlich, wie unterschiedlich die Fasern Farbe annehmen, wobei die Seide wegen ihrer hellbeigen Ursprungsfarbe au\u00dfer Konkurrenz laufen mu\u00df.<br \/>\n<div id=\"attachment_695\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-695\" src=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment4-300x190.jpg\" alt=\"Wolle und Seide aus dem 2. Zug auf Leinen aus dem 1. Zug\" title=\"experiment4\" width=\"300\" height=\"190\" class=\"size-medium wp-image-695\" srcset=\"http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment4-300x190.jpg 300w, http:\/\/www.contouche.de\/projektblog\/wp-content\/uploads\/2010\/07\/experiment4.jpg 631w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-695\" class=\"wp-caption-text\">Wolle und Seide aus dem 2. Zug auf Leinen aus dem 1. Zug<\/p><\/div><br \/>\n&nbsp;<br \/>\nAch ja, zum Thema T\u00fcrkischrot: Das F\u00e4rbebuch von 1780 verr\u00e4t das Rezept nicht (mit dem Hinweis, es z\u00e4hle zu den Arkana des Handwerks), aber alte Lexika erw\u00e4hnen <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tournant\u00f6l\">Tournant\u00f6l<\/a>, Zinnchlorid, Soda, Gall\u00e4pfel und \u00e4hnlichen Kram, angewendet in mehrfachen Beiz-, Trocken-, Wasch- und Sp\u00fclg\u00e4ngen, die zusammen knapp einen Monat in Anspruch nahmen. Mal abgesehen davon, da\u00df ich nicht w\u00fc\u00dfte, wo ich auf die Schnelle Oliven\u00f6ltreber herbek\u00e4me&#8230; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hei\u00dft ja immer, Leinen und Baumwolle seien mit Pflanzenfarben nicht oder zumindest nicht vern\u00fcnftig zu f\u00e4rben. &nbsp; Bettinletts (meist Baumwolle) waren bis tief ins 20. 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