Gut beschirmt

Das nächste Projekt kombiniert endlich eines der beiden Hobbys, die mich derzeit so ablenken, mit dem historischen Hobby: stricken. Historisch geht da normalerweise nicht viel – Strümpfe, Armstutzl, vielleicht noch Hausmützen für Männer oder Geldstrümpfe, das war’s weitestgehend schon. Aber dann fand ich in einem Ravelry-Forum ein Bild von einem Sonnenschirm-Bezug aus gestrickter Spitze. Boah!

Ich hatte schon ein bißchen Spitze gestrickt und es immer doof gefunden, das selbst deutschsprachige StrickerInnen von “Lace” schrieben. Wieso muß man etwas Englisch benennen, wenn es ein deutsches Wort gleicher Bedeutung gibt, das nicht einmal lang und umständlich ist? Seit ich mich auf die Suche nach Anleitungen für so ein Spitzen-Schirmdach begeben habe, finde ich das zwar immer noch doof, bin aber irgendwie dankbar, daß dieses im Vergleich geradezu grobschlächtige Zeug, das unter “Lace” firmiert, einen anderen Namen hat als das, was ich nun entdeckte. Eine völlig neue Welt tat sich auf!

Es ist eine seltsame Welt, denn die Vorlagen stammen größtenteils aus dem deutschen Sprachraum, aber für das, was man meistens danach strickt, gibt es nur im Englischen einen gescheiten Begriff: Doilies. Spitzendeckchen. Oder Spitzen-Tischdecken, denn manche sind fast 2 m im Durchmesser. Englischsprachige Raveler nennen diese Anleitungen bzw. die danach gestrickten Projekte z.b. “Nieblings” oder “Duchrows”*, nach dem Autor, und geben sich alle Mühe, die deutschen Anleitungen zu verstehen – genau andersrum als es auf Ravelry sonst der Fall ist. Die meisten Bücher oder Hefte, die solche Muster enthalten, führen das Wort “Kunststricken” im Titel. Besser könnte man das nicht benennen.

Es war nicht leicht, eine Anleitung zu finden. Zwar gibt es Nachdrucke der Niebling-Muster, aber wenn man so ein Heft kauft, weiß man nicht, was man darin finden wird. Ein Heft z.b. hat ausschließlich Muster, bei denen eine Spitze an einen Mittelteil aus Stoff angestrickt wird – völlig ungeeignet. Muster für kleine Platz-Sets sind ungeeignet und bei großen Decken ist die Frage, ob es einen abgrenzbaren Mittelteil gibt, nach dem man zu stricken aufhören kann, und wie groß der würde, wenn man nur diesen strickt. Bei einem Sonnenschirm-Dach sind 2 cm hin oder her durchaus entscheidend.

Was ist “mittelstarke Kunstseide”? Ist mit Nadelstärke 2 1/2 die heutige 2,5 mm gemeint? Nein, denn ein Muster forderte Nadelstärke 8/0. Das gibt es bei Ami-Maßen und ist auf deutsch 0,5 mm. Anscheinend hat man zu Herrn Nieblings Zeiten mit Nadelstärken operiert, die den heutigen Ami-Maßen entsprechen.

Dann muß das Muster 8 Achsen haben, weil der Schirm 8 Speichen hat, und das fertige Deckchen muß so groß sein wie der Durchmesser des Schirmdachs. Letzteres ist das größte Problem, denn die meisten Muster, die ich fand, waren für Nadelstärken über 2mm gemacht, mit entsprechend dickem Garn, was mir für das 19. Jh. zu grob erschien. Allzu modern sollte das Muster auch nicht sein.

Ich entschied mich für ein Deckchen, das bei Nadelstärke 2 1/2 (3 mm) 80 cm Durchmesser haben sollte. Als Garn Maulbeerseide 20/2 vom Wollschaf, das entspricht in etwa Knopflochseide, dazu Nadelstärke 1,5. Ein Nadelspiel für die ersten paar Runden hatte ich schon (HiyaHiya), aber für später brauchte ich noch eine Rundnadel. Die meisten Marken haben 3mm als kleinste Größe für Rundnadeln. ChiaoGoo Lace geht runter bis 2mm, Addi Lace bis 1,5 mm, und wenn man so stricken will, wie es im 18. und 19. Jh. üblich war und wie es manche (erstaunlich wenige, finde ich) Kunststrick-Muster fordern, bleibt nur noch die chinesische Marke HiyaHiya mit der kleinsten Nadelstärke 0,7 mm. Wobei… das bezieht sich nur auf Rundnadeln. Als Nadelspiele gibt es z.B. Karbonz 1 mm.

*) Herbert Niebling und Christine Duchrow

This entry was posted in 19. Jahrhundert, Schirm and tagged , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.