20 Jahre marquise.de

Eigentlich wollte ich nur nachschauen, wann ich angefangen habe, Webseiten zu erstellen. So genau läßt sich das nicht mehr eruieren, aber meine Indexseite bietet eine Art Kurz-Historie:

~~ Established October 1996 ~~
moved from geocities.com out of protest July 1998,
found a new home at costumegallery.com,
and grew up to a domain of its own in June 1999

Es muß 1994 gewesen sein, da war das WWW noch ganz neu und dünn besiedelt, und alle surften mit Mosaic. Meine Informatik-Kommiliton*innen waren noch fast die einzigen, die Zugang zum ganzen Internet hatten – mein Zugang war bis dahin eine BBS gewesen, die eMails und Newsgroups bereitstellte, also nur kleine Teile des Internets.

Meine Profs ließen sich nicht überreden, Zugänge für unser Institut einrichten zu lassen, obwohl das nichts gekostet und ich die Orga übernommen hätte. Die dachten vermutlich, das setzt sich eh nicht durch. In Notwehr besorgte ich mir einen Login vom Informatik-Institut. Die hatten im Rechnerraum nur Schwarzweiß-Monitore, und wenn ich mich von zuhause einloggte, hatte ich nur eine HPUX-Konsole, so daß ich nur via Lynx ins WWW kam. Diese Restriktionen prägten meine Webseiten jahrelang und zum Teil bis heute: Es ist mir wichtig, daß meine Seiten gut lesbar und kontrastreich sind, auf alle Monitorgrößen skalieren, auch ohne Bilder benutzbar, ohne Flash, ohne HTML5, mit möglichst vielen Browsern, auf möglichst vielen Plattformen.

Als ich nun eines Tages einen Beitrag zu einer (fremden) Webseite verfassen wollte, fragte der Betreiber mich, ob ich HTML abliefern könnte. Bahnhof? Der Betreiber hat dann meinen Text selber in HTML übersetzt, aber ich beschloß, daß ich das lernen müsse. Lernen heißt für mich: tun. Aber wie? Man brauchte einen Webserver dafür. Jemand empfahl mir damals u.a. Geocities, wo man einige wenige Megabytes an Platz gratis bekam. Aber mit was für Inhalten sollte ich die neuen Webseiten füllen? Meine beiden damaligen Hauptinteressen boten sich an: historische Kleidung und Alte Musik.

Meine Webseiten brauchten allmählich immer mehr Platz, ich mußte mehrere Geocities-Accounts zusammenschalten, das war mühsam. Und dann wollten die Werbebanner einblenden! Inzwischen hatten aber ein paar Leute unanhängigen Webspace, was damals noch grottenteuer war, und dazu zählte costumegallery.com. Die Betreiberin bot mir bis zu 70 MB Platz an – auf Nimmerwiedersehen, Geocities!

Da ich aber damals noch ganz am Anfang des Berufslebens stand und halb durchgemachte Nächte noch kein Problem waren, wuchs die Website sehr schnell aus den 70 MB heraus. In der Zwischenzeit erwuchsen auch in Deutschland Angebote, für eine eträgliche monatliche Miete Websites hosten zu lassen, mit FTP, Telnet, Datenbank und… Am 9.6.1999 bestellte ich die Domain marquise.de.

Ich habe das 20-jährige doch glatt um einen guten Monat verpaßt!

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Heureka, alea iacta, etcetera

Auf einen Tip auf Ravelry hin habe ich ein Buch über Norwich-Stoffe* bestellt, und obwohl ich noch keine Zeile gelesen habe, hat es mich bereits weitergebracht. Auf dem Cover sind nämlich ein paar gestreifte Kalamanks abgebildet, und obwohl die Bildauflösung nicht superb ist, kann man die Bindung auszählen, weil der Weber so freundlich war, die Kette an einer Stelle abwechselnd aus grünen und gelben Fäden zu machen und zusätzlich den Schuß in Rot.

Mit Hilfe des Rasters kann man recht gut erkennen, daß der Versatz der roten Schuß-Punkte in der Waagerechten zwei beträgt, und daß zwischen zwei roten Punkten in der senkrechten vier Kästchen Grün bzw. Gelb liegen.

5-bindiger Atlas. Alle Zweifel sind beseitigt.

*) Thelma Morris, “Made in Norwich” : 700 years of textile heritage. o.O., 2008

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The Calimanco Project

My newest spinning and weaving project is calimanco, an 18th century fabric. The research journey has been documented in the German-language articles in this category, but since it proved rather difficult to find detailed information, I thought I should do my little bit to remedy that by sharing my findings with the international community.

When I learned that in the 18th century there had been damasks and even brocades made from wool, I was fascinated. I hadn’t thought it possible that damask, let alone brocade, could be made from anything else than silk. (Historically, of course. Forget about poly right this instant! Shoo!)
Well, ok, there’s linen, for household textiles, but those were more or less white and definitely not used for clothing.

Now I’ve inadvertently introduced the answer to the question that often crops up, “How on earth can wool, let alone that of those coarse longwool breeds, mimick silk?” Simple answer: Colours. Both silk and wool are easy to dye with period dyestuffs, and keep the colours well. Linen and cotton are and do not. That’s basically it. With a non-crimpy, shiny wool and calendaring, you even get a sheen that would look almost, but not quite, entirely unlike that of silk. (I haven’t seen a freshly calendared period calimanco in person yet, though.)

Linda Baumgarten writes in What Clothes Reveal, “Colorful calimancoes that had been glazed mimicked more expensive silks, yet their long-lasting worsted fiber content was appropriate for a workingwoman’s garment.” (p. 114) There’s a picture of a striped and a brocaded worsted fabric on the same page.

As long as I don’t own a drawloom, a damask or even brocade is unattainable, but the Nordiska Museet also has a multitude of samples of striped worsted fabrics that seem doable. I found a name for that type of fabric: calimanco. Here’s what they look like:

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Calimanco in Textquellen

Je länger ich in google books und archive.org wühlte, desto mehr Schreibweisen von Calimanco / callimanco / calamanco / Kalamank / Kalmang / calamandre fand ich, und mit diesen als Suchbegriff immer mehr Textquellen. Der Übersichtlichkeit halber widme ich ihnen einen extra Artikel.

Die Antworten auf drei Fragen hoffe ich darin zu finden:

  1. Ist die Kette einfädig oder gezwirnt? Und der Schuß?
  2. Welche Webart?
  3. Wofür wurde Kalamank verwendet?
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Alle Maschinen stop!

Es ist etwas schreckliches passiert.

Ich habe auf einigen Bildern aus der Anders-Berch-Sammlung verdächtige Streifen an den Schmalseiten einiger Stoffproben gefunden. Die Auflösung ist nicht hoch genug, um Details zu erkennen, aber… seht selbst:

Und dann fand ich noch ein kleines Thumbnail jenes Calimancos, den Meg Andrews auf ihrer Seite vorstellt, den man aber nicht sehen kann, weil etwas mit der Seite nicht stimmt.

Da, ganz rechts. Seht ihr es? Continue reading

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Kammgarnspinnerei 3

Gestern sind neue Faserproben angekommen.

Von Heimatwolle Romney, Wensley, Lincoln.
Vom Wollschaf Teeswater, Texel, Gotland weiß, Lincoln und Devon.

Gotland habe ich sofort aussortiert: Die gelieferte Qualität ist genau so mies wie man mir gesagt hatte, wie das Wensley aus der gleichen Quelle.

Von links : Devon, Lincoln, Romney, Teeswater, Texel, Wensley

Jede Probe habe ich zuerst direkt aus dem Kardenband gesponnen und dann aus einem Kammzug, den ich daraus gekämmt hatte. Beim Kämmen blieben einige kurze Fasern (unter 5 cm) als Abfall übrig, was mich in meiner Meinung bestätigt, daß das kommerzielle Zeug keine Kammzüge sind, auch wenn sie als solche verkauft werden. Continue reading

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Webbreiten im 18. Jahrhundert

Bei einer Diskussion über feine Kettgarne und Webbreite auf Ravelry kam mir ein Geistesblitz.

Es wird oft behauptet, daß Stoffe im 18. Jh. schmaler waren als heute, weil beim Handweben die Armspannweite des Webers keine breiteren Stoffe erlaubt. In gewisser Weise stimmt das, denn die heute üblichen 150 cm Breite schafft nur ein Orang Utan. Aber die damals üblichen Stoffbreiten lagen bei 70-120 für Leinen und Baumwolle, 40-60 bei Seide, und für Wolle (broadcloth) ist überliefert, daß zwei Weber daran arbeiteten, bis irgendwann im Lauf des 18. Jh. der Schnellschuß entwickelt wurde.

Je nach Geometrie des Webstuhls schaffe ich 100 cm spielend oder 120 cm mit Mühe, und ich bin eher kurzgliedrig. Breiten bis 100 cm sind also kein Ding, aber die traditionelle Webbreite für Leinenstoff liegt bei 80 cm.

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Mehr Kammgarnspinnerei

Mit immer besseren Suchbegriffen zum Thema Kammgarn/worsted, Norwich, longwool etc fand ich schließlich

A comprehensive history of the woollen and worsted manufactures” von James Bischoff, 1842. Der zitiert u.a. aus
The nature and properties of wool : illustrated, with a description of the English fleece” von John Luccock, 1805

Während Mr Bischoff offenbar der Meinung ist, Inhaltsverzeichnsse mit Seitenzahlen seien nur etwas für Warmduscher, kommen Leser von Mr Luccock definitiv in den Garten. Aber die Mühe lohnt sich.

Luccock schreibt z.B.

“The length of pile suited to the comb is upwards of four inches. The hose trade requires a considerable share of that which measures from four inches to eight, and the longer kind is usually destined to the fabrication of worsted yarn…” (S. 155)

Das heißt, die Wollsorten mit kürzeren Stapellängen als 10 cm kann ich vergessen, und eigentlich brauche ich > 20 cm. Damit sind Bluefaced Leicester (BFL) und Romney definitv raus und Perendale  hart an der Grenze, also eigentlich auch raus, zumal es eine neuseeländische Rasse ist. Continue reading

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Kammgarnspinnerei

Zum Calimanco-Projekt:

Den Schuß werde ich wohl selber spinnen müssen, denn es ist schon schwer genug, überhaupt einfädiges Wollgarn zu bekommen, geschweige denn in dünn, geschweige denn als Kettgarn geeignet. Außerdem heißt es in den diversen Quellen immer wieder, die Garne seien aus besonders langstapeliger und glänzender Wolle gesponnen worden. Beim Versuch, herauszufinden, was für Schafrassen das gewesen sein könnten, landete ich immer wieder bei englischen Longwools: Perendale, Romney, Wensleydale, Leicester Longwool, Cotswold und Coopworth wurden häufiger genannt. Auch Bluefaced Leicester wurde genannt, aber ich frage mich, ob da nicht eine Verwechslung mit Leicester Longwool vorlag. Die einzige nicht-englische Rasse, die mir genannt wurde und geeignet erschien, war Gotland.

Zuerst war ich etwas verwirrt, daß anscheinend so gar keine außerbritische Rasse auftauchte. Continue reading

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Damast, Brokat, Calimanco — Wolle statt Seide

Mein neuester Spleen sind Wollstoffe, wie sie im 18. Jahrhundert vor allem in Norwich (UK) und Umgebung hergestellt wurden: Wollstoffe aus Kammgarn (engl. worsted-spun), das von Schafrassen mit besonders langen, aber nicht unbedingt weichen Vliesen stammte. Drei Stoff-Arten habe ich bis jetzt identifizieren können: Calimancos (frz. calamandre), Damast und Brokat. Brokat aus Wolle. Das muß man erstmal sacken lassen.

Linda Baumgarten schreibt in What Clothes Reveal, “Colorful calimancoes that had been glazed mimicked more expensive silks, yet their long-lasting worsted fiber content was appropriate for a workingwoman’s garment.” (s. 114)

Inwieweit Wollbrokate ebenfalls als “Seide der kleinen Frau” dienten, sagt sie nicht. Aber in niederländischen und skandinavischen Museen befinden sich einige Trachtenteile aus Wolldamast, was auf eine große Verbreitung im gemeinen Volk hindeutet.

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