Tja, bis zum gesetzten Termin habe ich das Mieder nicht fertiggekriegt. Stattdessen habe ich das “Nanny Ogg”-Kleid, d.h. die schwarze Tournüre, um einen Überrock ergänzt, weil das, anders als das Mieder, in der verbleibenden Zeit zu schaffen war. Überrock, das ist die geraffte “Schürze”, die man oft vorn an Tournürenkleidern hat, in Kombination mit einem hinteren Teil, der gerafft sein kann oder nicht. Bei erhaltenen Tournürenkleidern ist der Überrock meist in den Rock integriert, aber ich habe das Kleid so angelegt, daß der Überrock extra ist. D.h. man kann Taille und Rock einfach so tragen (z.B. für die Nanny-Rolle oder für ländliche bzw. Dienstboten 1880er bis ca. 1910) oder mit dem Überrock für 1880er sonn- und feiertags. continue reading »

Nanny Ogg, Ende

Feb 20, 2010

Nun, die Party ist vorbei und das Kostüm hat die Feuertaufe überstanden – obwohl der Unterrock nicht mehr rechtzeitig auftauchte. Das karierte Futter kam bei allen, die es zu sehen bekamen, sehr gut an. Es ist jammerschade, daß gemusterte Futterstoffe heutzutags nicht mehr üblich sind. Auch wenn die Umwelt das Futter nie zu sehen bekommt: Allein etwas handwerklich gut gemachtes und schön gefüttertes anzuziehen bereitet Freude. Aber was gilt das schon in einer Zeit, da man angehalten wird, die Kleidung alle furznasen auszutauschen, weil sie nicht mehr “in” ist?

Leider muß ich trotzdem noch ein paar Änderungen vornehmen, und das betrifft nicht nur den Überrock, den ich weggelassen habe, weil weder der Stoff noch die Zeit zum Drapieren reichte: Beim Kragen dachte ich, daß die beiden verwendeten Stoffe steif genug seien, um so einen popligen 2cm hohen Stehkragen aufrechtzuerhalten, aber das war ein Irrtum. Also muß ich den Kragen noch einmal öffnen und eine steifende Einlage anbringen. Gibt es etwas scheußlicheres als nachträglichere Änderungen, noch dazu die Art Kleinigkeiten, die man schon bei der Anfertigung gehaßt hat?

Es gibt zwar Fotos von meinem Nanny-Ogg-Kostüm, aber ich möchte sie nicht herzeigen, vor allem, weil es mit dem runtergeklappten Kragen saublöd aussieht.

Nanny Ogg, Fortsetzung

Jan 30, 2010

Gemäß einer Technik, die ich von einem erhaltenen Tournürenkleid abgekupfert hatte, habe ich alle Oberstoff-Schnitteile rechts auf rechts auf die Futter-Teile gelegt und knapp 5 mm von der Kante weg jeweils die Längsnähte und die Schulternähte zusammengenäht. Die habe ich kräftig auseinandergebügelt, dann die Teile umgedreht und die Kanten eingebügelt. Erst dann habe ich die jeweiligen Schnitteile aneinandergenäht. Auf diese Weise sind die Innennähte gleich versäubert.


Die Anprobe ergab, daß ich trotz der weggenähten 1 cm pro Naht (was vermutlich Göße 22 entspricht) nochmal ca. 2 cm an den Vorderkanten wegnehmen mußte. Da die schon rechts-auf-rechts zugenäht waren, mußte ich sie noch einmal öffnen. Das hasse ich so an Gründerzeitklamotte: Sie paßt nicht ohne Abstecken (wofür man jemanden mit Ahnung braucht), und selbst dann ist es reine Glückssache.

Das Trachtenmieder muß nun eine Weile warten, weil ich für eine Scheibenwelt-Mottoparty anfang Februar noch eine passende Klamotte brauche. Ich spiele Nanny Ogg, die als Hexe schwarz trägt, dazu rote Stiefel und eine spitzen Hut. Da ich bei einer Shrek-Mottoparty ein Gewand aus Pannesamt gemacht und den Stoff gehaßt hatte, habe ich beschlossen, diesmal etwas zu machen, das ich auch fürs Hobby brauchen kann. Schwarz ist im 18. Jh. eher nicht verbreitet, aber in meiner Zweitepoche, dem späten 19. Jh., ist es die Farbe für Festtagskleidung der Kleinbürger. Der Oberstoff ist schwarzer Ditte vom Elch.

Als Vorlage für das Oberteil benutzte ich #905 Front Closing Bodice von Past Patterns. Für den Rock hatte ich bereits den Four-gore Underskirt von Truly Victorian, der meines Erachtens für jeden Basisrock der Zeit geeignet ist. Von einem eventuellen Überrock (d.h. der zeittypischen Schürzendrapierung) glaube ich, daß ich das auch ohne Vorlage hinkriege.

Laut Maßtabelle für das Oberteil hätte ich Größe 26 ausschneiden müssen, die es nicht gibt. Ich nahm Größe 24 und gab bei allen Körper-Quermaßen ein paar Millimeter zu, während ich an Schulter, Armloch, Unterkante und am Ärmel 24 ausschnitt – schließlich bin ich breit, aber nicht groß (daher auch Nanny Ogg). Beim abstecken stellte sich heraus, daß ich mir die Mühe nicht hätte machen müssen: An allen Nähten mußte ich 1 cm wegnehmen. Größe 22 hätte locker gereicht, obwohl ich darunter nur mein relativ loses Arbeitskorsett trug.

Normalerweise muß man die Schnitteile nur auf den Stoff auflegen und drumherum schneiden, aber bei Taillen des 19. jh. stellen die Abnäher ein Problem dar: Schneidet man sie ganz aus, verzieht sich der Schnitt dort. Schneidet man sie gar nicht aus, muß man sie mit Kopierpapier durchradeln, und irgendwann ist das Papier so perforiert, daß es reißt. Meine Lösung ist, die Abnäher teilweise auszuschneiden: Das Dreieck oben wird weggeschnitten, dann bleibt ein Querbalken stehen, dann wird wieder etwas weggeschnitten, und ganz unten bleibt wieder ein Querbalken stehen. Auf diese Weite kann man den Abnäher anzeichnen und muß nur dort, wo die Querbalken sind, ein bißchen Augenmaß anwenden.

Ich habe zuerst alle Schnitteile auf den Oberstoff aufgezeichnet und ausgeschnitten. Dann erst konnte ich mich zu einem Futterstoff durchringen: einem karierten Baumwollstoff.
Um die Abnäher vom Oberstoff auf die Innenseite des Futters zu übertragen, steckte ich (senkrecht!) Nadeln alle 2-3 cm durch die angezeichnete Linie. Dann drehte ich das Schnitteil um und zog Linien von einer Nadel zur nächsten. Auch wenn diese Linien nicht allzu genau und glatt waren: Das Abstecken und endgültige Nähen glättete sie automatisch.

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