Mehr Wollverarbeitung: Vliese kaufen und waschen

Wie im ersten Artikel dieser Kategorie (Wollverarbeitung) erwähnt, hat mich im Sommer die Neugier auf alte, seltene Schafrassen, oder genauer auf deren Wolle gepackt. Da, wo man normalerweise Spinnfasern kauft, findet man die eher nicht, da muß man schon direkt zum Züchter gehen. Auf eBay wird auch Rohwolle angeboten, aber da weiß man nie, was für eine Qualität man bekommt. Das kann auch völlig verfilzt und vollgeschissen sein und daher nur für den Komposthaufen taugen. Auf Facebook gibt es Gruppen wie z.B. „Spinnfutter? Hier kann man es kaufen“ sowie diverse Spinn-Gruppen, in denen manchmal auch Rohwolle angeboten wird. Meistens von Leuten, die selber spinnen und daher wissen, welche Sorte Vlies Geld wert ist und welche nicht. Wenn man eine Weile in diesen Gruppen mitgelesen hat, kann man auch einschätzen, wer die Kompetenz hat, ein Vlies zu beurteilen.
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Ab Mai habe ich auf die Schafschur gelauert, um frische Vliese abzugreifen, denn ich hatte in entsprechenden Foren gelesen, daß das Wollwachs und/oder Lanolin im Lauf der Zeit verharzt und dann nur noch schwer auszuwaschen ist. Vliese vom Vorjahr waren damit raus. Man weiß ja auch nicht, wie sie gelagert wurden: Womöglich feucht und mit allem Schafscheiß drin in Plastik gestopft? Mal abgesehen vom Bäh tut das der Faserqualität bestimmt nichts Gutes. Und wer weiß, was da an Motten und Teppichkäfern… danke, habe ich selber schon genug von.
 
Worauf sollte man also beim Kauf achten? Folgende Tips hat man mir in diversen Foren gegeben:

  • Das Vlies sollte gut geschoren sein, d.h. mit möglichst wenig Nachschnitt. Der entsteht, wenn der Scherer nicht dicht genug an der Haut entlangschneidet und deshalb nochmal drübergehen muß. Dann ist die Wolle nicht so lang, wie sie sein könnte, und es entstehen Knubbel sehr kurzer Wolle, die für nichts gut sind, die man bei Verkauf per Gewicht aber mitbezahlt.
  • Die Unterwolle sollte nicht verfilzt sein, d.h. sie muß sich leicht auseinanderziehen lassen.
  • Es sollte nicht allzu viel Fremdmaterial in der Wolle sein, also z.B. Erde, Pflanzenteile, Insekten oder Kacke. Auch da bezahlt man per Gewicht zuviel mit, vor allem aber hat man das Problem, das Zeug aus der Wolle rauszukriegen. Es gibt gewisse Partien eines Vlieses, die ein guter Verkäufer aussortiert, bevor er das Verkaufsgewicht bestimmt: Verkackte Popowolle, verfilzte Bauchwolle und die eigentlich recht gute, aber bei Stallhaltung oft stark von Pflanzenkram durchsetzte Nackenwolle.
  • Vorzugsweise diesjährige Wolle kaufen, weil das Wollfett mit der Zeit verharzt und dann nur noch schwer rauszukriegen ist.

Zu der Frage, wie man ein Vlies waschen sollte, gibt es ungefähr so viele Antworten, wie es Leute gibt, die Vliese waschen. Sicher ist: Haare tierischen Ursprungs, also auch Menschenhaare, leiden unter dem Einfluß von Basen. Klassische Seifen, auch als besonders mild gepriesene Olivenölseifen, sind basisch und daher eher schädlich. Das gilt auch für Waschsoda, das manchmal zum Waschen von Vliesen empfohlen wird. Das bedeutet nicht zwangsläufig, daß Seife oder Soda nicht zum Waschen von Vliesen geeignet wären: Ich habe einige meiner Vliese erfolgreich in Waschsoda-Lösungen gewaschen. Man muß sich aber bewußt sein, daß Basen die Neigung der Wolle zum filzen erhöhen, und entsprechend verfahren.
 
Klar ist, daß man alles vermeiden sollte, was man bei der Filzherstellung macht: die Wolle mit heißem Seifenwasser übergießen und sie dann massieren. Damit ist auch klar, was vermieden werden muß: Basisches Milieu plus plötzliche Temperaturwechsel plus Agitation.
 
Mein Waschprogramm im vergangenen Sommer sah so aus:
 
Groooßes Gefäß (z.B. einen alten Waschkessel) in den Garten stellen, Vlies rein, Wasser aus dem Gartenschlauch drauf, über Nacht einweichen lassen. Am nächsten Tag war das Wasser ziemlich ekelig. Ich habe den Garten damit gegossen; wahrscheinlich war es gleichzeitig auch noch Dünger.

Bentheimer Landschaf im Einweichwasser. Mjam!

Bentheimer Landschaf im Einweichwasser. Mjam!


Tag 2: Tensid (mal Waschsoda, mal Geschirrspülmittel) in den Kessel, in heißem Wasser unter Rühren auflösen, Vlies rein, so lange heißes Wasser (um die 70°-80°) draufkippen, bis Vlies bedeckt oder das Gefäß voll war. Kein rühren, nur sanftes runterdrücken, bis das ganze Vlies untergetaucht war. Stehen lassen, bis es ausgekühlt war, meist über Nacht. Rausnehmen, abtropfen lassen. Zweck dieser Phase war, das Wollfett und den darin klebenden Schmutz zu lösen, und das geht umso besser, je heißer das Wasser ist.
 
Je nachdem, wie dreckig das Vlies danach noch wirkte, habe ich diesen Vorgang wiederholt oder ging zu Phase zwei über: Waschmaschine. Das Vlies kam in einen alten Kopfkissen- oder Bettbezug (je nach Größe) und dann ab in die Waschmaschine, Wollprogramm 30°. Bei den meisten Vliesen waren zwei WaMa-Durchgänge nötig, bei manchen auch drei. Das schien mehr mit der Größe des Vlieses als mit der Menge an Dreck zusammenzuhängen. Die WaMa spült auch eigentlich nur noch den Dreck raus; das Lösen des Wollfetts hat ja vorher schon der heiße Tensid-Bottich erledigt. Deshalb waren Durchgang 2 und 3 dann auch meistens mit kaltem Wasser, aber immer noch Wollprogramm.
 
Trocknen auf einem alten Laken

Trocknen auf einem alten Laken


Nach dieser Behandlung waren alle Vliese weitgehend (aber nicht völlig) fettfrei, schienen aber nicht gelitten zu haben. Richtig vliesförmig waren sie spätestens nach der Waschmaschine nicht mehr, aber keins war verfilzt, und das ist das Wichtigste. In Zukunft würde ich allerdings sicherheitshalber zwei Dinge ändern:

  1. ein abschließendes Bad in Wasser mit Essig oder Zitronensäure drin, um die Basen auszugleichen, oder
  2. Wollwaschmittel, das sollte pH-neutral sein. Sagt die Perwoll-Webseite, wohingegen ein Öko-Wollwaschmittel als „mit Olivenölseife“ angepriesen wird. Seife in Wollwaschmittel?! Da kann ich ja gleich mit Kernseife waschen! (Tun manche Leute sogar, mit selbergemachter. Darf man aber nicht mit allen Wollsorten machen, sagen sie.)
  3. Wenn es bei Aldi mal wieder diese Plastikkörbe gibt, wahlweise dicht oder als Gitter, dann kaufe ich mir von jeder Sorte einen. Wenn man die ineinanderstellt, hat man eine Waschwanne mit Siebeinsatz und muß nicht immer bis zum Ellenbogen ins stinkige Wasser, um das Vlies herauszuheben.
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