Jetzt gilt’s! Ein Schnürbrustfutter

Von Handwebern hört man oft, eine Kette aus Leinen sei ziemlich schwierig und nichts für Anfänger. Aber ich springe ja immer am tiefen Ende ins Becken, und irgendwo muß man ja anfangen.

Beginnen wir mir der Vorlage. Das ist eine Schnürbrust aus dem Dachauer Stadtmuseum, die ich genauer untersuchen durfte. Damals interessierte ich mich noch nicht fürs Weben, aber zum Glück habe ich gute und sehr detaillierte Fotos gemacht.

Das Futter ist ein 2/1-Köper mit einer Kette aus halbgebleichtem Leinen und einem Schuß aus dem gleichen halbgebleichten Leinen, durchsetzt mit unterschiedlich breiten Streifen aus minimal dickerem, ungebleichtem Leinen.

Wobei man dem fertigen Stoff, sofern man keine Webkante zur Hand hat, nicht ansehen kann, was die Kette ist und was der Schuß.
Für Schußstreifen spricht, daß

  • die Streifen quer zu den Schnitteilen verlaufen, und ein Zuschnitt quer zur Webrichtung war und ist eher unüblich.
  • die gebleichten und ungebleichten Fäden leicht unterschiedlich dick sind. Ich glaube, daß das die Kettspannung schwerer zu handhaben macht, aber für einen damaligen Profi war das womöglich Pipifax.
  • Ein 2/1-Schußköper kommt mir plausibler vor als ein 1/2-Kettköper.

Für Kettstreifen spricht, daß

  • Streifen öfter längs verlaufen als quer
  • ein Schnitteil, das schmalste, quer zu den anderen zugeschnitten ist, d.h. die Richtung ist, zumindest im Futter, gar nicht so wichtig

Ich muß darüber noch meditieren.

Anhand eines Größenvergleichs und nach meiner Erinnerung könnte das halbgebleichte Garn eine 16/1 bis 18/1 sein, das gebleichte 14/1bis 16/1. Ungebleichtes Garn habe ich in 18/2 und 16/1. Da Leinenketten angeblich so schlimm sind und wenn, dann gezwirntes Garn empfohlen wird, könnte ich das 18/2 als Kette nehmen. So oder so muß ich das gesamte Kett- und einen Teil des Schußgarns erstmal bleichen, denn halbgebleichtes habe ich bisher nur einmal gesehen, und zwar teuer. Aber die historische Bleichmethode basiert auf der Wirkung von Sonnenlicht, Wasser und Sauerstoff, und das tun Bleichmittel mit “Oxi” im Namen auch. Sowas habe ich im Keller. *händereib*

Aber erstmal muß ich wissen, wieviel von welchem Garn ich brauche. Also, wie breit und lang der Stoff sein soll. Wenn ich schon extra webe, will ich auch die Schnitteile so auf den Stoff puzzeln, wie das beim Original war. Zumindest ungefähr. Warum? Weil ich es kann! Theoretisch jedenfalls.

Also puzzeln wir. Ich habe eine halbe Übersicht der Innenseite möglichst groß ausgedruckt, die Teile auseinandergeschnitten und dann die Streifen als Paßmarken benutzt. Da hier ist eine mögliche Variante:

Das schmalste Schnitteil liegt quer. Es ist das einzige, das nicht auf beiden Seiten das gleiche Muster hat.

Das schmalste Schnitteil liegt quer. Es ist das einzige, das nicht auf beiden Seiten das gleiche Muster hat.


Bei anderen Varianten habe ich einige Schnitteile kopfüber gedreht, aber das änderte an der Gesamtfläche nicht viel. Die beläuft sich auf geschätzt knapp 40 cm in der Breite und ca. 60 cm in der Höhe. Das Rückenteil ist im Stoffbruch zugeschnitten, d.h. der Stoff wäre 80 cm breit. Da ich aber eine Schnürbrust, die daraus mal werden soll, wenn ich den passenden Oberstoff finde, für mich machen will, reichen 80 cm Breite nicht, und 100 breit will ich auch nicht, weil eine lange Kette weniger arbeitsintensiv ist als eine breite. Das Puzzle für mich sähe dann eher so aus:

tmp_27530-übersicht 2 dachau futter2016458512

Ich habe jetzt mal für 85 cm Breite (wegen der Schrumpfung) und gut 2 m Länge (Schrumpfung, Abfall und Teststrecke) geplant. Das sind knapp 4000 m Kette und 1500 m halbgebleichter Schuß. Ein Bad in Oxi-Kram über Nacht hat schon deutlich sichtbare Ergebnisse gebracht, aber der Farbunterschied ist mir noch nicht deutlich genug.
tmp_27530-20160710_111108-1256288132

2 Responses to “Jetzt gilt’s! Ein Schnürbrustfutter”

  1. Annette Says:

    Zwei Indizien für Kett- bzw. Schussrichtung:

    Oftmals hat man mehr Kett- als Schussfäden auf einem Zentimeter, die Kettfäden sind also häufig dünner und liegen dichter nebeneinander als Schussfäden (Kette wird nur einmal geschärt, aber mehr Schusseinträge heisst länger arbeiten, daher so wenig Schusseinträge wie möglich und die Dichte in der Kette).

    Kettfäden sind durch die höhere Belastung beim Weben häufig stärker gedreht als Schussfäden, weil sie dadurch stabiler werden.

    Beides Indizien und es gibt sicher für beides Gegenbeispiele, aber als generelle Faustregel ganz hilfreich. Das mit dem 1/2-Kett- bzw. Schussköper hat übrigens einen kleinen Haken: Wenn man auf der rechten Stoffseite einen Schussköper hat, sieht man auf der Rückseite einen Kettköper 😉 Weben würde man mit möglichst wenig Ketthebungen, das jedoch häufig von der Rückseite. Das würde also auch wieder einen Kettköper auf der Vorderseite ergeben.
    Herzlich, Annette

  2. webmistress Says:

    Hmm. Das mit Vorder- und Rückseite ist ein guter Punkt. Man könnte natürlich einen Kettköper weben, wahrscheinlich von der Rückseite her, und ihn dann mit der linken Seite nach oben benutzen. Das klingt mir allerdings ein bißchen zu sehr nach “Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?”

Leave a Reply