Webbreiten im 18. Jahrhundert

Bei einer Diskussion über feine Kettgarne und Webbreite auf Ravelry kam mir ein Geistesblitz.

Es wird oft behauptet, daß Stoffe im 18. Jh. schmaler waren als heute, weil beim Handweben die Armspannweite des Webers keine breiteren Stoffe erlaubt. In gewisser Weise stimmt das, denn die heute üblichen 150 cm Breite schafft nur ein Orang Utan. Aber die damals üblichen Stoffbreiten lagen bei 70-120 für Leinen und Baumwolle, 40-60 bei Seide, und für Wolle (broadcloth) ist überliefert, daß zwei Weber daran arbeiteten, bis irgendwann im Lauf des 18. Jh. der Schnellschuß entwickelt wurde.

Je nach Geometrie des Webstuhls schaffe ich 100 cm spielend oder 120 cm mit Mühe, und ich bin eher kurzgliedrig. Breiten bis 100 cm sind also kein Ding, aber die traditionelle Webbreite für Leinenstoff liegt bei 80 cm.

Der Schnellschuß, der die Armspannweite irrelevant macht, war schon erfunden und technisch nicht schwer zu bauen. Nur der verfügbare Platz in der guten Stube konnte einen Heimweber daran hindern, breiter als 120 cm zu weben – unter der Annahme, daß es sich meistens um Männer handelte, die längere Arme hatten als ich, sonst halt 100 cm. Das ist immer noch breiter als die 70-80 cm, die man meist bei handgewebten Stoffen findet.

Für einen Weber in einer Manufaktur galt diese Platzbeschränkung nicht: Der Webstuhl konnte dort so breit sein, wie es die Armspannweite erlaubte, und wenn die Schußfarbe nicht wechseln mußte, auch breiter. (Ich habe noch nicht herausgefunden, ab wann man beim Schnellschuß auch Farben wechseln konnte.)

Leinen- und Wollweber waren oft Heimarbeiter und Nebenerwerbslandwirte, wie in “Die junge Haushälterinn” nachzulesen. Ihr Webstuhl nahm einen guten Teil der guten Stube ein, wie im Freilandmuseum Bad Windsheim zu sehen. Es ist davon auszugehen, daß Seidenweber Profis waren, die in einer Manufaktur arbeiteten, d.h. Platz war nicht ihr Problem.

Also warum die geringe Webbreite?

Ein möglicher Grund ist, daß es bei einer schmalen Stoffbahn leichter ist, den Überblick zu behalten und somit Webfehler zu vermeiden. Bei so komplexen Mustern und so kostbarem Material ist das wichtig.  Ein anderer, auf den ich eben kam:

Man muß weniger Litzen stechen. Das ist eine langwierige Arbeit, die höchste Konzentration erfordert, weil dabei leicht Fehler passieren, die sich dann durch den ganzen Stoff ziehen. Bei Damast und Brokat, wo alle Fäden durch zwei Litzen gehen müssen, ist die potentielle Fehlerquote noch höher.

Was, wenn die schmale Webbreite nicht etwa daher kam, daß die Webstühle (warum auch immer) besonders schmal waren, sondern daher, daß es für die Weber effizienter war, 3000 Litzen zu stechen und 40 Meter zu weben, als 6000 Litzen zu stechen und 20 Meter zu weben?

Für eine Robe à la française braucht man ca. 8 Meter bei 150 cm Breite. Bei 50 cm Breite also 24 Meter. Wieviele Roben eines Damasts oder Brokats kann ein Weber absetzen, wenn die potentielle Kundschaft sich auf wenige tausend in ganz Europa beschränkt? Wieviele Meter sind nötig, damit es sich lohnt, eher 9000 als 3000 Litzen zu stechen, wenn man in Betracht zieht, wie leicht man sich dabei vertut?

Ich kann keine dieser Fragen beantworten, aber ich halte es für möglich, daß es drauf hinausläuft, daß es effizienter ist, im Fall vom Seide, und besonders von Damast oder Brokat, eine schmale und lange Kette zu weben als eine breite und kurze.

Und dann kommt noch das Trumm hinzu, der Teil der Kette, der nicht abgewebt werden kann und Abfall ist. Je kostbarer das Garn, desto weniger Trumm will man haben, und doppelte Breite bedeutet die doppelte Menge Trumm.

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2 Responses to Webbreiten im 18. Jahrhundert

  1. gertraud says:

    Vielleicht hat es auch mit der Verwendung der Stoffe zu tun? Webkanten lassen sich zeitsparender zusammennähen, es gibt keine fransenden Kanten und eventuell auch weniger Verschnitt (z.B. bei Hemden oder Chemisen)? Was sagt die Expertin dazu?

  2. webmistress says:

    Ich würde keine Wette eingehen wollen, ob die Weber ihre Webbreiten an die Bedürfnisse der Schneider*innen angepaßt haben. Gerade Leinenstoffe wurden ja oft in Heimarbeit gefertigt; da dürfte die Größe der Stube ein wichtigerer Faktor gewesen sein. Das bißchen Zeit fürs versäubern der Nähte fällt gegenüber dem spinnen und Weben sowieso nicht ins Gewicht.

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