Neues aus Beiderwand

Soeben kam im Fratzenbuch eine Suchanzeige für entlaufene Dienstboten vorbei, die für so einen kurzen Text sehr viel zu meinen Beiderwand-Forschungen beiträgt:


(The Pennsylvania Gazette 31.6.1766)

Five shuttle work und three shuttle work bedeuten m.E., daß der Weber mit 5 bzw. 3 Schiffchen arbeiten mußte, d.h. die Röcke wiesen dementsprechend viele Farben auf. Das heißt zwar noch nicht zwangsläufig, daß alle diese Farben bunt waren, deutet aber stark darauf hin, daß Beiderwand nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Nordamerika 1. vielfarbig und 2. schußgestreift war.
Außerdem haben wir nun einen außerskandinavischen Beleg für Manteaux de Lit aus Beiderwand.

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3 Responses to Neues aus Beiderwand

  1. Emma says:

    Ich habe die Posts zu Beiderwand mit Interesse gelesen, weil in dem südschwedischen Tracht aus Blekinge (wo meine Famile herkommt) der Rock aus Beiderwand ist. Blau, rötlich lila, rot, und schwarz sind die üblichen Farben. Der Stoff heisst auf schwedisch “verken”, und ist noch erhältlich, aber teuer. Es trägt sich steifer als ein reiner Wollstoff, und schimmert schön nach dem bügeln.
    Zu dem warum man so ein Stoff webt könnte vielleicht die Webgewohnheiten der Schweden ein Grund sein? Viele Haushalte sponnen und webten für den Eigenbedarf, und ein Webstuhl mit Kette zu beziehen (heisst es so auf Deusch?) ist aufwendig und nimmt viel Zeit in anspruch. Also wählt man am besten eine Kette, die für verschiedene Stoffe taugt, und webt die nacheinander in der passende Länge. Das heisst, es wird z. B. nur ein Rock in gestreift gewebt. Danach 10 cm Kettenpause, danach einfarbig Herrenjacke, danach Küchenhandtücher zwei nebeneinander usw. So hat es meine Oma gemacht, weisse Leinenkette in dem Webstuhl und danach schneidet man Tischdecken, Küchentücher und Gardinen runter.

    Auf digitaltmuseum.se kann viel schönes gesehen werden unter dem Suchwort “halvylle” – Halbwolle. Da kann aber Kette auch aus Baumwolle sein, und Schwedischkenntnisse sind da leider notwendig um genaueres zu erfahren. Ich habe bei eine Suche auf der Schnelle das hier gefunden:

    https://digitaltmuseum.se/011023360422/livstycke

    https://digitaltmuseum.se/011023706525/kolt

    https://digitaltmuseum.se/011023078833/kjol

    https://digitaltmuseum.se/011023736787/vast

    Ich möchte hier auch ein dickes Dankeschön schreiben, bin gerade dabei ein Schnürleib nach Deinen Anweisungen herzustellen, und es klappt prima!

  2. webmistress says:

    Danke für Deinen Kommentar! Das Argument mit der vielseitigen Kette ist in Gegenden, in denen viel daheim für den Eigenbedarf gewebt wird, bestimmt ein sehr wichtiges.

  3. Paulina says:

    Ich habe mich im Rahmen der Ahnenforschung mit der Geschichte meiner Heimat beschäftigt, der Rhön. Da zumindest Teile des Gebietes im 19. Jhd neu zum Königreich Bayern kamen, wurden die Gerichtsärzte in den neuen Landgerichten 1862 angewiesen, Berichte über Land und Leute zu verfassen. Es gibt die hier: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/db/physikat/berichte/index.php
    Die drei für mich relevanten (Hilders, Bischofsheim, Weyhers) enthalten alle einen Abschnitt zur Kleidung der Bevölkerung, und da wird viel von Beiderwand gesprochen:

    Hilders

    Die minder wohlhabenden hatten eine Kleidung aus gleichem Schnitte, allein statt des Leder und Tuches hatten sie Beidergemeng (156), einem Zeug, welchen die Bauern im Winter selbst verfertigen, wozu ein Zettel von Linnen genommen und selbst gezogene und gesponnene Wolle eingeschossen wird; dieser Zeug wird entweder in der Naturfarbe zu Hosen verwendet, welche je nach der Farbe der Wolle, da schwarze, braune und weiße durcheinander gewoben wird, ein streifiges Aussehen haben, oder wird zuvor blau oder grün gefärbt und dann zu Röcken, Mänteln pp. für Weibspersonen verarbeitet. Dieser Zeug ist noch allgemein gebräuchlich, und in den meisten Bauernhäusern sieht man noch solchen fertigen.

    156: Kleider- und Schürzenstoff. Auch Beiderwand, Beidergemang oder Petermann genannt. Beiderwand war in der Regel eine Mischung aus Leinen und Wolle, später auch Leinen mit Baumwolle. { Adebahr-Dörel, Lisa/ Völker, Ursula: Von der Faser zum Stoff. Textile Werkstoff- und Warenkunde. Hamburg [301993?], S. 192.

    Bischofsheim

    Die Kleidung der Rhöner ist das ganze Jahr hindurch eine leichte; sie weben ihre Kleider gewöhnlich selbst, und das so gewonnene Produkt heißt Beidermang, ein dichter Stoff, halb Leinen, Wolle oder Baumwolle. Daraus fertigen sich die Männer, nachdem dieses selbstgefertigte Produkt meist dunkel gefärbt ist Jacken, Beinkleider und Mantel. Die Weiber machen sich Röcke und Jacken aus diesem Zeuge.

    Weyhers

    Von einer eigentlichen Nationaltracht ist jetzt nur noch auf dem Lande die Rede.
    Bei den Einwohnern geschloßener Ortschaften, die mehr von Handel und Gewerbe leben und nicht blos an der heimatlichen Scholle kleben, sondern [S. 46] mehr herumziehen, schwindet allmählich diese Tracht und ist eine Mischung der althergebrachten und der allgemeinen französisch-europäischen. Man begegnet oft wunderlichen Anzügen. Bei dem weiblichen Geschlechte auf dem Lande hat sie sich am meisten rein erhalten und besteht im alltäglichen gewöhnlichen Umgange aus Holzschuhen, blauen wollenen Strümpfen (Förbes), Rock von selbstangefertigtem dunkel gefärbtem Stoffe aus Wolle und Leinen (Beidergemang). Das hiezu verwendete Wollengarn ist zum Theil aus alten Kleidungsstücken gezupft und zubereitet; eine blaue leinene Schürze.
    Im Sommer haben sie am Oberkörper bloß ein Leibchen (Mieder, Liege) ohne Aermel von verschiedenen Stoffen und im Winter darüber eine Jacke mit Aermeln. Selbst von rother Wolle gestrickte Halstücher sieht man noch am häufigsten, doch auch baumwollene, Sommer und Winter weiße oder farbige Kopftücher (Hull) gegen Frost, Wind und Sonne. An Sonn- und Feiertagen sind die Kleidungsstücke im Verhältnisse zur Wohlhabenheit von [S. 47] werthvolleren Stoffen, die Strümpfe sind immer von Wolle von blauer oder rother Farbe. Kattun, halbseiden Zeuge, Wollenzeuge werden zu Schürzen und Jacken verwendet und das selbstverfertigte Beidergemang zu Röcken und Jacken macht dem Tuche, Biber und Wollenzeugen aus Fabriken Platz.

    Illustrationen dieser Tracht gibt es auch, allerdings mehrere Jahrzehnte früher, aus 1817, für Birx, Bischofsheim, Oberelsbach und Sondheim (Rhön) hier: http://www.historisches-unterfranken.uni-wuerzburg.de/db/trachtengrafik/trachtengrafik/search.php
    (Besonders spannend finde ich da noch das nebeneinander von sehr verschiedenen Formen von Mieder und Schnürbrust – jedenfalls soweit ich das ganz laienhaft unterscheiden kann. Ehrlich gesagt finde ich es grad vor allem spannend, einen deutschsprachigen Blog übers historische Schneidern zu finden!)

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