Calimanco in Textquellen

Je länger ich in google books und archive.org wühlte, desto mehr Schreibweisen von Calimanco / callimanco / calamanco / Kalamank / Kalmang / calamandre fand ich, und mit diesen als Suchbegriff immer mehr Textquellen. Der Übersichtlichkeit halber widme ich ihnen einen extra Artikel.

Die Antworten auf drei Fragen hoffe ich darin zu finden:

  1. Ist die Kette einfädig oder gezwirnt? Und der Schuß?
  2. Welche Webart?
  3. Wofür wurde Kalamank verwendet?

Die letzte Frage ist eigentlich schon beantwortet, aber falls Info dazu als Beifang ins Netz geht, wird sie auch eingesammelt.

Zunächst zwei Auszüge aus zeitgenössischen Warenlexika. Den ersten hatte ich schon vorher gelesen; der zweite hätte bereits Zweifel an der Schußstreifen-These wecken müssen, aber weil der eigentlich nach dem Betrachtungszeitraum liegt, hatte ich zuerst nicht reingeschaut.

Johann Christian Schedels neues und vollständiges Waaren-Lexikon, Offenbach: Weiß und Brede, 1789

Kalamank, ein wollener, entweder glatter, getreifter oder geblumter Zeug, dessen Kette gewöhnlich aus einem groben Faden Wasch- und einem Faden Fettwolle zusammengesetzt wird. Der Einschlag ist jederzeit Waschwolle, weil der Einschuß nicht stark eingeschlagen wird. Der, so nach dem Weben erst gefärbt wird, erhält mit dem Kalander eine vorzügliche Glätte, und heißt hernach Wollenatlaß. […]
Der englische Kalmank ist achtzehn Zoll breit und und in Stücken von zwei und dreißig Yards. (Das stimmt genau mit den Notizen in der Berch-Sammlung überein. -d. Säzz.) Der sächsische kommt diesem in der Güte am nächsten.

G.P.H. Norrmann, Vollständigeres Wörterbuch der Produkten- und Waarenkunde, Hamburg: Carl Ernst Bohm, 1805

Kalamank, Kalmang, Kalmank, in England seiner Dauerhaftigkeit
wegen auch Lasting genannt, ist ein geköperter, atlasartiger […] wollener Zeug […] Eigentlich giebt es zwey Hauptarten, nemlich: 1) den geköperten entweder nur glatten und einfärbigen, oder gestreiften von allerley Farben; oder 2) den geblümten, welcher eigentlich ein wollener Damast ist […]
Die erstere Art, sowohl den glatten einfarbigen, als auch den getreiften, macht man mit einerley Handgriffen, nur erhält der letzte eine gestreifte Kette; […]
Der gestreifte Kalmank unterscheidet sich größtentheils nur durch seine Streifen, die aber nicht vom Weben, sondern nur vom Scheren der Kette herrühren; oft erhält er, wie der glatte, einen Köper, der durch alle Streifen in gerader Linie fortläuft, zuweilen wird er aber auch mit einem sogenannten Grad oder Wiederkehr gewebt, … (S. 915f)

(Hervorhebungen jeweils von mir.)

Ich habe eine Weile gebraucht, das mit dem Scheren zu verstehen – sind es nicht nur Samte, die geschoren werden? Aber nein, die Kette wird mit Streifen geschärt.

Was mit zu denken gibt ist die Andeutung, daß die Kette zweifädig sein soll (je ein Faden Wasch- und Fettwolle (dazu gleich noch) und daß die gestreiften Calimancos geköpert sein sollen. Erstens sieht es nicht nach Köper aus (etwaige Grate sind minimal, wie man sie auch bei Atlas findet) und zweitens schreibt Schedel von Wollatlas.  “oft erhält er, wie der glatte, einen Köper” – und wenn nicht, welche Webart ist es dann? Ist es oft Köper, aber manchmal auch Atlas? “Grad oder Wiederkehr” klingt allerdings schon verdächtig nach Fischgrat oder Spitzköper – als Alternative zum normalen Köper, bei dem der Grat ” in gerader Linie fortläuft”.

Zur Wasch- und Fettwolle:

Peter Nath. Sprengels Handwerke und Künste in Tabellen : Die Woll- und Seidenfabriken. Berlin: Verlag der Buchhandlung der Realschule, 1776

Der Fabrikant überliefert nunmehro die Wolle dem Wollkämmer, der die feine in Fettwolle, die grobe aber in Waschwolle verwandelt. […] Die Waschwolle ist, wie gedacht, die gröbste, und wird zum Aufzug der Kette gebraucht, die Fettwolle aber ist die kürzeste und feinste, und wird gemeiniglich zum Einschlag leichter und glatter Zeuge genommen. Beyde Arten haben das miteinander gemein, daß sie gekämmet werden, die Waschwolle wird aber vorher noch mit Seife gewaschen, die Fettwolle dagegen mit Baumöl genetzet. (S. 20f)

Und ist es nicht zum kotzen, daß ich dieses Buch trotz aller Recherche erst finde, als ich nicht mehr nach den diversen Schreibweisen von Kalmang suche, sondern nach den Stichwörtern “Fettwolle + Waschwolle”? Denn der gute Mann hat auch über Calimanco was zu sagen, und zwar mehr als alles, was ich bis dahin gefunden hatte!

Zum Beispiel hier:

Oefters muß aber die Kette, wie beym Kallmang […] doppelt seyn, und in diesem Falle muß das Garn vorläufig doppeliret oder dubliret und hiernächst gezwirnet werden. (S. 30)

Mist, wirklich eine 2fädig gezwirnte Kette! Dabei müßte eine einfädige doch eigentlich viel mehr Glanz haben.

Doch ist ein solcher Kieper zuweilen schwach und unmerklich, wie beym Kalmang… (S. 84)

Ok, dann ist es eben doch ein Köper. “Schwach und unmerklich” könnte auf Kreuzköper hindeuten.

Auf S. 97 geht es zur Sache, aber der Scan ist sehr schwer zu lesen… 1200 bis 1600 Kettfäden, verteilt auf auf ca. 50 cm sind das 24 bzw. 32 F/cm. *schluck*

5 Schäfte und Tritte. 5 Fäden pro Riet.
Hm. Kreuzköper (AKA “falscher Atlas”) kenne ich eigentlich 4-schäftig. Denn wer 5 Schäfte hat, kann auch gleich 5-bindigen richtigen Atlas weben und braucht sich daher nicht mit falschem Atlas abzugeben.

Der einfache Einschuß wird nicht gar zu dicht eingeschlagen. (S. 98)

Immerhin der Schuß ist einfädig. Aber wenn ich die Fadensysteme um 90° drehe, müßte ich mit einer einfarbigen, einfädigen Kette arbeiten und einem bunten, gezwirnten Schuß. Auch doof. Menno.

Wenn man nun die Schnürung des Kalmangs überhaupt in der XXVII Fig. näher betrachtet, so ergiebt sich, daß bey jedem getretenen Fußschemmel [Tritt] vier Schäfte hinauf, und nur ein einziger mit dem fünften Theil der Kette hinab gehet. (S. 100)

Aha. Ein 4/1-Kettköper also. Ich sehe das Schiffchen schon ständig U-Boot spielen – mit nur je einem Fünftel der Kette gesenkt wird der Fachboden recht löchrig.

Bey dem gestreiften Kalmang ist noch zu bemerken, daß man zum Einschlag entweder weißes Garn, oder doch Garn von einer blassen Farbe nimmt, oder auch von einer Farbe, die am mehresten in der Kette vorkommt, und alles dieses aus keiner andern Ursache, als damit der einschlag den Farben der Kette keinen Abbruch thut. […]

Die Mode verlangt, daß der Kalmang steif, und auf der rechten Seite vorzüglich glänzend seyn muß. (S. 100)

Steif und glänzend. Ich sag’s ja: Außer Buntheit und Glanz mußte Kalmang mit Seide nichts gemeinsam haben, um als Seide der kleinen Leute durchzugehen.
Daß das eine Fadensystem weiß oder zumindest blaß ist, hatte ich immerhin richtig gesehen.

Jetzt noch die auf S. 100 erwähnte Patrone. Ich habe keine Ahnung, warum dort (wenn ich es richtig lese) 10 Schäfte aufgeführt sind, obwohl die Blöcke 1-5 und 6-10 jeweils genau gleich sind. Man kann also eigentlich 6-10 ignorieren. Ein Kringel, Punkt oder ausgefülltes Kästchen stellt normalerweise eine Senkung dar, und wenn man den kleinen Punkt neben jedem Kringel ignoriert (was mit sehr zupaß kommt, weil ich keine Ahnung habe, was der heißen soll), dann kommen da tatsächlich 4 Hebungen und 1 Sekung pro Tritt raus. Außerdem sind diese Senkungen jeweils um 2 gegenüber der vorigen verschoben, so daß der Köpergrat nicht gar so deutlich hervortritt wie bei einem normalen Köper.

Patrone nach Sprengel

Und das ist – ich habe das extra noch bei Erika Arndt verifiziert, nicht daß ich Schmarrn erzähle – ein fünfbindiger Atlas, kein Köper. Also warum schreiben alle diese Bücher von Köper? Falls das ein Fehler war, den einer vom anderen abgeschrieben hat, wie zuverlässig sind dann die anderen Angaben, z.b. die über die gezwirnte Kette? Oder fiel 5-bindiger Atlas damals in die Kategorie Köper? Das wäre seltsam, weil unlogisch, aber wer weiß.

Mit Hilfe der Warped Weavers, einer Gruppe auf Ravelry, habe ich noch ein paar englischsprachige Quellen aufgetan, die ich bisher nicht gefunden hatte, weil sie zeitlich eigentlich zu spät sind.

John James, History of the worsted manufacture in England, London: Longman, Brown, Green, Longmans, & Roberts,1857

Auf den Seiten 362f beschreibt James verschiedene Kammgarnstoffe, die in der Zeit um 1802 in England produziert wurden.

Russels, a kind of lasting, manufactured of double warp and single weft, and with a five heald twill like the calimanco which it resembled in all respects except being stouter, having a double warp. […] They were used for ladies’ petticoats, boots, shoes, and men’s Waistcoats.

Lastings, a stout fabric only eighteen inches wide, with double warps, (sometimes of three threads,) and single weft, made with a five heald twill of Nottinghamshire and best Lincolnshire wool. […]

Calimancoes, plain and striped stout stuffs, seventeen inches wide, and twenty-nine yards long, both made with single warps, and glazed in finishing, chiefly employed for making ladies’ petticoats and chair-seating.

Auch hier ist also die Rede von 5-schäftigem Köper. Im Gegensatz zu den deutschsprachigen Quellen heißt aber, daß die Kette einfädig sei. Interessant ist, daß hier lasting auftaucht, der eine zweifädige Kette hat – und laut Warenkunde-Buch von Norrmann 1805 wird Kalamank “in England seiner Dauerhaftigkeit wegen auch Lasting genannt”. Vielleicht ist das ja der Grund für die Widersprüche? In England wird zwischen Russel, Lasting und Calimanco unterschieden, in Deutschland nicht?

Leider ist das bisher die einzige Quelle, die eine explizite Aussage zur Frage “ein- oder zweifädig” macht. Es gibt aber noch eine Patrone in

Pilo Blakeman, The Weaver’s Assistant, explaining in a familar manner, the first principles of the art of weaving. Bridgeport: N.L. Skinner, 1818

Da hier die Bindepunkte direkt nebeneinanderliegen, haben wir es tatsächlich mit einem Köper zu tun. Ich denke, man könnte ihn als gebrochenen Köper bezeichnen, einen Cousin des Fischgräts. Damit wären wir wieder bei Herrn Norrmann und seinem “Grad oder Wiederkehr” – der aber nur “zuweilen” angewendet werde.

Hier noch zum Vergleich die Patrone für einen normalen 4/1-Köper (der einzige, bei dem jeweils 4 Schäfte heben und einer senkt), die Patrone nach Schedel, und die Patrone nach Blakeman.

Der Atlas in der Mitte ergibt eindeutig das “glatteste” Gewebebild, und das entspricht am ehesten den Stoffproben aus dem Nordiska Museet. Obendrein ergeben sich bei Atlas immer dann Wellenlinien, wenn ein Streifen nur zwei Fäden breit ist, genau wie in den Proben. Beim Blakeman-Köper funktioniert das nur, wenn man den Streifen genau auf eine bestimmt Weise positioniert.

Fazit

Wir haben Quellen, die für einfädige Ketten sprechen, und solche für zweifach gezwirnte. Wir haben Quellen, die Köper schreiben, und solche, die Atlas zeigen.
Vielleicht ist ganz einfach beides richtig. Vielleicht gab es regionale Unterschiede in der Definition oder in der Produktion. Dann kann ich für mein Projekt auch das auswählen, was mir am besten taugt.

Nachtrag

Das mit dem Köper vs. Atlas ließ mir keine Ruhe. Mir kam die Idee, daß man damals vielleicht gar nicht zwischen Köper und Atlas unterschieden hat. Und so grub ich mich nochmal durch die einschlägigen Bücher.

Peter Nath. Sprengels Handwerke und Künste in Tabellen : Die Woll- und Seidenfabriken. Berlin: Verlag der Buchhandlung der Realschule, 1776

Von den glatten wollenen Zeugen — Unter dieser Benennung versteh ich alle diejenigen Zeugarten, die weder gekiepert noch facionieret sind…” (S. 69)

Joh. Heinrich Moritz Poppe, Technologisches Lexicon. Dritter Theil H-M. Stuttgardt und Tübingen: J.G. Cotta’sche Buchhandlung, 1818

“Keper, Köper, Kieper. So nennt man beym Zeugweben die nicht rechtwinklicht, sondern diagonaliter durchkreuzte Verbindung der Einschlags mit der Kette, […] Je mehr Schäfte vorhanden sind, worin die Kette verteilt ist, desto schräger wird auch die Köperverbindung. So hat z.B. der Atlas, der mit acht Schäften gewebt ist, einen weit stärkern Köper, als Barchent, den man mit drey Schäften gewebt hat. (S. 227)

Aha. Man unterschied also tatsächlich nicht Leinwand-, Köper- und Atlasbindung, sondern glatte, geköperte und gemusterte Zeuge, und “der Köper” ist die Diagnoalrippe. Jetzt verstehe ich auch, warum der Köper beim Kalmang “schwach und unmerklich” ist: Man sieht bei Atlasbindungen fast keine Rippen.

Jetzt müssen wir nur noch rausfinden, ob das mit dem englischen twill ähnlich ist. Wenn ja, löst sich das Rätsel in Wohlgefallen auf.

Pilo Blakeman, The Weaver’s Assistant, explaining in a familar manner, the first principles of the art of weaving. Bridgeport: N.L. Skinner, 1818

TWILL — A certain rise of the threads in cloth, sometimes called (but very improperly) trill, and sometimes properly, wale. (S. 1)

Und wale ist im heutigen Sprachgebrauch die Diagonalrippe eines Köpers oder die Längsrippe eines Cords. Naruhodo ne.

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