Alle Maschinen stop!

Es ist etwas schreckliches passiert.

Ich habe auf einigen Bildern aus der Anders-Berch-Sammlung verdächtige Streifen an den Schmalseiten einiger Stoffproben gefunden. Die Auflösung ist nicht hoch genug, um Details zu erkennen, aber… seht selbst:

Und dann fand ich noch ein kleines Thumbnail jenes Calimancos, den Meg Andrews auf ihrer Seite vorstellt, den man aber nicht sehen kann, weil etwas mit der Seite nicht stimmt.

Da, ganz rechts. Seht ihr es? Continue reading

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Kammgarnspinnerei 3

Gestern sind neue Faserproben angekommen.

Von Heimatwolle Romney, Wensley, Lincoln.
Vom Wollschaf Teeswater, Texel, Gotland weiß, Lincoln und Devon.

Gotland habe ich sofort aussortiert: Die gelieferte Qualität ist genau so mies wie man mir gesagt hatte, wie das Wensley aus der gleichen Quelle.

Von links : Devon, Lincoln, Romney, Teeswater, Texel, Wensley

Jede Probe habe ich zuerst direkt aus dem Kardenband gesponnen und dann aus einem Kammzug, den ich daraus gekämmt hatte. Beim Kämmen blieben einige kurze Fasern (unter 5 cm) als Abfall übrig, was mich in meiner Meinung bestätigt, daß das kommerzielle Zeug keine Kammzüge sind, auch wenn sie als solche verkauft werden. Continue reading

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Webbreiten im 18. Jahrhundert

Bei einer Diskussion über feine Kettgarne und Webbreite auf Ravelry kam mir ein Geistesblitz.

Es wird oft behauptet, daß Stoffe im 18. Jh. schmaler waren als heute, weil beim Handweben die Armspannweite des Webers keine breiteren Stoffe erlaubt. In gewisser Weise stimmt das, denn die heute üblichen 150 cm Breite schafft nur ein Orang Utan. Aber die damals üblichen Stoffbreiten lagen bei 70-120 für Leinen und Baumwolle, 40-60 bei Seide, und für Wolle (broadcloth) ist überliefert, daß zwei Weber daran arbeiteten, bis irgendwann im Lauf des 18. Jh. der Schnellschuß entwickelt wurde.

Je nach Geometrie des Webstuhls schaffe ich 100 cm spielend oder 120 cm mit Mühe, und ich bin eher kurzgliedrig. Breiten bis 100 cm sind also kein Ding, aber die traditionelle Webbreite für Leinenstoff liegt bei 80 cm.

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Mehr Kammgarnspinnerei

Mit immer besseren Suchbegriffen zum Thema Kammgarn/worsted, Norwich, longwool etc fand ich schließlich

A comprehensive history of the woollen and worsted manufactures” von James Bischoff, 1842. Der zitiert u.a. aus
The nature and properties of wool : illustrated, with a description of the English fleece” von John Luccock, 1805

Während Mr Bischoff offenbar der Meinung ist, Inhaltsverzeichnsse mit Seitenzahlen seien nur etwas für Warmduscher, kommen Leser von Mr Luccock definitiv in den Garten. Aber die Mühe lohnt sich.

Luccock schreibt z.B.

“The length of pile suited to the comb is upwards of four inches. The hose trade requires a considerable share of that which measures from four inches to eight, and the longer kind is usually destined to the fabrication of worsted yarn…” (S. 155)

Das heißt, die Wollsorten mit kürzeren Stapellängen als 10 cm kann ich vergessen, und eigentlich brauche ich > 20 cm. Damit sind Bluefaced Leicester (BFL) und Romney definitv raus und Perendale  hart an der Grenze, also eigentlich auch raus, zumal es eine neuseeländische Rasse ist. Continue reading

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Kammgarnspinnerei

Zum Calimanco-Projekt:

Den Schuß werde ich wohl selber spinnen müssen, denn es ist schon schwer genug, überhaupt einfädiges Wollgarn zu bekommen, geschweige denn in dünn, geschweige denn als Kettgarn geeignet. Außerdem heißt es in den diversen Quellen immer wieder, die Garne seien aus besonders langstapeliger und glänzender Wolle gesponnen worden. Beim Versuch, herauszufinden, was für Schafrassen das gewesen sein könnten, landete ich immer wieder bei englischen Longwools: Perendale, Romney, Wensleydale, Leicester Longwool, Cotswold und Coopworth wurden häufiger genannt. Auch Bluefaced Leicester wurde genannt, aber ich frage mich, ob da nicht eine Verwechslung mit Leicester Longwool vorlag. Die einzige nicht-englische Rasse, die mir genannt wurde und geeignet erschien, war Gotland.

Zuerst war ich etwas verwirrt, daß anscheinend so gar keine außerbritische Rasse auftauchte. Continue reading

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Damast, Brokat, Calimanco — Wolle statt Seide

Mein neuester Spleen sind Wollstoffe, wie sie im 18. Jahrhundert vor allem in Norwich (UK) und Umgebung hergestellt wurden: Wollstoffe aus Kammgarn (engl. worsted-spun), das von Schafrassen mit besonders langen, aber nicht unbedingt weichen Vliesen stammte. Drei Stoff-Arten habe ich bis jetzt identifizieren können: Calimancos (frz. calamandre), Damast und Brokat. Brokat aus Wolle. Das muß man erstmal sacken lassen.

Linda Baumgarten schreibt in What Clothes Reveal, “Colorful calimancoes that had been glazed mimicked more expensive silks, yet their long-lasting worsted fiber content was appropriate for a workingwoman’s garment.” (s. 114)

Inwieweit Wollbrokate ebenfalls als “Seide der kleinen Frau” dienten, sagt sie nicht. Aber in niederländischen und skandinavischen Museen befinden sich einige Trachtenteile aus Wolldamast, was auf eine große Verbreitung im gemeinen Volk hindeutet.

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Neues aus Beiderwand

Soeben kam im Fratzenbuch eine Suchanzeige für entlaufene Dienstboten vorbei, die für so einen kurzen Text sehr viel zu meinen Beiderwand-Forschungen beiträgt:


(The Pennsylvania Gazette 31.6.1766)

Five shuttle work und three shuttle work bedeuten m.E., daß der Weber mit 5 bzw. 3 Schiffchen arbeiten mußte, d.h. die Röcke wiesen dementsprechend viele Farben auf. Das heißt zwar noch nicht zwangsläufig, daß alle diese Farben bunt waren, deutet aber stark darauf hin, daß Beiderwand nicht nur in Skandinavien, sondern auch in Nordamerika 1. vielfarbig und 2. schußgestreift war.
Außerdem haben wir nun einen außerskandinavischen Beleg für Manteaux de Lit aus Beiderwand.

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Nachts im Museum — Details 2 — Roben, Ärmel, Sensationen

Wie bei jedem Jahrmarktschreier geringfügig übertrieben. 😉

Wer Ärmel mit Flügel-Aufschlägen machen will, steht zwangsläufig vor der Frage, was wo wie befestigt wird. Die Vorstellung, daß der hintere Teil des Flügels frei flottiert und es dabei womöglich gar von hinten an den Ellenbogen zieht, widerstrebt dem modernen Empfinden. Und so sieht man dann auf historischen Veranstaltungen oder im Film die allerseltsamsten Konstruktionen: Flügel, die rundum am Ärmel angenäht werden, womöglich noch auf den Oberarm verlegt (siehe “Katharina die Große” im Gruselkabinett), oder sie werden oben zugenäht oder, ganz originell, es wird ein halbmondförmiger “Deckel” oben auf den Flügel gesetzt.

Deshalb fotografiere ich leidenschaftlich gern von unten und hinten in Ärmel hinein.

Bei einer Seidendamast-Jacke in der “Kleiderwechsel”-Dauerausstellung des Germanischen Nationalmuseums scheinen die Flügel tatsächlich fast rundum angenäht zu sein, bis auf eine Fingerbreit. Das weicht aber so stark von den meisten anderen Kleidungsstücken ab, daß sich die Frage stellt, ob das von Anfang an so war – oder ob nicht irgendein Besitzer im Lauf der Jahrhunderte auch dieses oben erwähnte Widerstreben empfand und Maßnahmen ergriff. Oder vielleicht ist die Versteifung der Flügel ihrem Gewicht nicht gewachsen, so daß sie unschön herunterhingen, wenn sie normal angenäht wären. Fragt nicht, wie ich auf sowas komme… Continue reading

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Nachts im Museum — Details 1

Ich wollte ja schon lange mal ein paar spannende Detailfotos historischer Textilien zeigen, aber erst seit gestern habe ich Bildmaterial ohne Urheberrechtsprobleme. Als ich das letzte Mal Gelegenheit hatte, in einem Museum Fotos zu machen, hatte ich in einem Anfall geistiger Umnachtung darauf verzichtet, die gscheite Kamera mitzunehmen. Die kann doch auch nur 13MP, genau wie die Handycam, also reicht das Handy doch, oder? Pustekuchen. War ich enttäuscht, als ich daheim die Fotos auspackte!

Aber gestern war ich bei einem Bloggerwalk im Bayerischen Nationalmuseum, und als ich dann die Bilder sichtete, war klar: Jetzt muß es raus!

Das Handy hatte ich natürlich auch dabei, so daß man hier den Unterschied schön sehen kann:

Aber kommen wir zum Wesentlichen: Die Klamotten. Wenn man aus Richtung der Jagdabteilung kommt, lockt schon von Ferne eine Robe à la Française aus Baumwollstoff, und man denkt: Och, hübsch. Chintz. Und ja, an manchen Stellen glänzt der Stoff auch wie gechintzt. Aber nein, der handelsübliche Zitz des 18. Jahrhunderts war gedruckt – dieser hier ist bemalt.

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Beiderwand: Fertig

Beim nähen des Rockes ist mir ein Fehler unterlaufen, also mußte ich ihn eine Weile weglegen. Jetzt ist er endlich fertig.
Hier präsentiert mit der handgewebten Leinenschürze, und oben hängt die grau-grau gestreifte Beiderwandschürze mit einem gestreiften (nicht selber gewebten) Taillenband.

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